Papier, Polyolefine und Recycling: Warum Verbunde nicht automatisch ein Problem sein müssen

Julian und Robin Visual

Ein Gespräch mit Robin Huesmann von LEIPA auf der ersten INNO-Fiber

Papierverpackungen stehen derzeit stark im Fokus. Sie gelten vielen als nachhaltige Alternative zu Kunststoffverpackungen – insbesondere im Bereich flexibler Verpackungen und Lebensmittelverpackungen. Doch ganz so einfach ist es nicht: Papier muss funktional sein, soll Barrieren bieten, darf den Altpapierkreislauf nicht belasten und muss am Ende sinnvoll recycelt werden können.

Auf der ersten INNO-Fiber sprach Julian Thielen mit Robin Huesmann von LEIPA über genau diese Herausforderung. LEIPA verarbeitet seit vielen Jahren sowohl Papier als auch Folien und bringt damit eine besondere Perspektive in die Diskussion ein: Was passiert wirklich im Recyclingprozess? Welche Verbunde lassen sich gut beherrschen? Und wo liegen die Grenzen, wenn Papier zunehmend in Lebensmittelverpackungen eingesetzt wird?

Recycling von Papierverbunden: Es gibt mehr als einen Weg

Eine zentrale Botschaft aus dem Gespräch: Papierverbunde sind nicht per se problematisch. Entscheidend ist vielmehr, wie sie konstruiert sind und ob sie im Recyclingprozess technisch sinnvoll behandelt werden können.

Robin Huesmann machte deutlich, dass es verschiedene Wege gibt, Wertstoffe aus Verbunden zurückzugewinnen. Dabei geht es nicht nur um die Faser, sondern auch um die Frage, ob beispielsweise Folienanteile beziehungsweise Polyolefine separiert und zurückgewonnen werden können.

Besonders interessant ist seine Einschätzung, dass mit geeigneter technischer Innovation und entsprechenden Investitionen auch bei Verbunden Recyclingraten von bis zu 90 % erreichbar sein können. Das ist ein wichtiger Punkt in der aktuellen Diskussion: Nicht jeder Verbund ist automatisch schlecht – aber nicht jeder Verbund ist automatisch kreislauffähig. Entscheidend sind Aufbau, Materialwahl, Trennbarkeit und die reale Recyclinginfrastruktur.

Polyolefinbeschichtungen können sinnvoll sein

Auf die Frage, wie ein möglichst gut recycelbarer Papierverbund aussehen könnte, verwies Huesmann auf zwei Richtungen, die aus seiner Sicht besonders relevant sind:

Zum einen können Polyolefinbeschichtungen vorteilhaft sein, wenn sie als Folie möglichst ganzheitlich abtrennbar sind. Zum anderen können auch bioabbaubare Verbunde eine Rolle spielen, wenn sie nicht dauerhaft im Recyclingkreislauf verbleiben.

Dabei betonte er aber auch: Die richtige Lösung hängt immer vom konkreten Anwendungsfall ab. Welche Wirkung soll die Verpackung im Markt erzielen? Besteht ein erhöhtes Littering-Risiko? Welche Barriereeigenschaften werden benötigt? Und wie lässt sich die Verpackung nach Gebrauch realistisch erfassen und verwerten?

Damit wird deutlich: Pauschale Materialurteile helfen wenig. Gefragt ist ein anwendungsbezogener Blick auf Verpackungsdesign, Recyclingfähigkeit und tatsächliche Stoffströme.

Was im Altpapier wirklich ankommt

LEIPA recycelt Papier selbst und sieht daher sehr genau, welche Materialien und Fremdstoffe in der Praxis im Altpapierstrom landen. Die Antwort auf die Frage nach der Reject-Fraktion fiel entsprechend deutlich aus: „So ziemlich alles.“

Neben typischen Störstoffen finden sich offenbar auch sehr ungewöhnliche Gegenstände – von Metallteilen über Betonteile bis hin zu kuriosen Fehlwürfen. Dennoch zog Huesmann insgesamt ein positives Fazit: Das Altpapier in Deutschland sei im europäischen Vergleich sehr sauber. Vor allem weil es meist trocken und nicht stark lebensmittelkontaminiert sei, könne man mit der Qualität des deutschen Altpapierstroms sehr zufrieden sein.

Die Qualität hängt allerdings stark von der Sammelquelle ab. In anonymen Sammelstrukturen, etwa in Hochhaussiedlungen, treten tendenziell mehr Verunreinigungen auf. Bei Einzelhäusern ist der Altpapierstrom häufig sauberer.

Vorsortierung bleibt entscheidend

Auch die Vorsortierung spielt eine zentrale Rolle. LEIPA stellt sowohl grafische Papiere als auch weiße Verpackungspapiere beziehungsweise Verpackungspapiere mit weißer Decke her. Dafür ist es wichtig, weiße und braune Papierfraktionen sinnvoll zu trennen.

Aus weißem Altpapier kann wieder eine weiße Decke entstehen, während braune Papierfraktionen für Verpackungspapiere genutzt werden können. Die Qualität des Eingangsmaterials entscheidet also wesentlich darüber, welche hochwertigen Produkte aus dem Recyclingprozess entstehen können.

Lebensmittelverpackungen aus Papier: Chancen und Grenzen

Ein besonders wichtiger Punkt betrifft den zunehmenden Einsatz von Papier in Lebensmittelverpackungen. Gerade hier entsteht ein Spannungsfeld: Einerseits wächst der Wunsch, mehr papierbasierte Verpackungen einzusetzen. Andererseits dürfen Lebensmittelreste, Fette, Feuchtigkeit und organische Rückstände den Altpapierstrom nicht beeinträchtigen.

Huesmann plädierte dafür, sinnvolle Grenzen zu setzen. Ein Pizzakarton mit einem Fettfleck sei nicht automatisch ein Problem, solange die Pizza nicht mehr darin enthalten ist. Verpackungen für trockene Lebensmittel seien ebenfalls weniger kritisch.

Anders sieht es bei fettigen oder feuchten Lebensmitteln aus. Hier können durch mangelnde Restentleerung mikrobiologische Belastungen entstehen. Genau diese organische Belastung kann im Altpapierstrom problematisch werden.

Das zeigt:

Nicht jede Lebensmittelverpackung eignet sich gleichermaßen für den klassischen Altpapierkreislauf.

Entscheidend sind Produktkontakt, Restentleerbarkeit, Feuchtigkeit, Fettbelastung und die Frage, ob alternative Recyclingströme genutzt werden können.

PPK aus LVP als möglicher Lösungsweg

Statt nur zu sagen, was nicht funktioniert, müsse die Branche Lösungen anbieten. Huesmann verwies in diesem Zusammenhang auf PPK aus LVP – also Papier, Pappe und Karton aus der Leichtverpackungssammlung. Dieser Strom werde bisher nicht ausreichend recycelt, könnte aber eine Möglichkeit bieten, bestimmte papierbasierte Lebensmittelverpackungen gezielter zu verwerten.

Interessant ist auch der regulatorische Bezug: Laut Huesmann wurde im vergangenen Jahr erreicht, dass das Bundesinstitut für Risikobewertung eine Lösung für den Recyclingstrom im indirekten Lebensmittelkontakt genehmigt hat. Gleichzeitig äußerte er die Hoffnung, dass eine weniger akademische und damit praxisnähere Lösung folgen werde. Damit könnten Technologien verfügbar werden, um auch anspruchsvollere Stoffströme sicherer zu beherrschen.

Fazit: Recyclingfähigkeit entsteht nicht durch Materialwechsel allein

Das Gespräch mit Robin Huesmann zeigt sehr klar: Der Wechsel von Kunststoff zu Papier löst nicht automatisch alle Nachhaltigkeitsfragen. Papierverpackungen können große Chancen bieten – insbesondere dann, wenn sie richtig konstruiert, sauber gesammelt und sinnvoll recycelt werden.

Gleichzeitig braucht es einen realistischen Blick auf Verbunde. Polyolefinbeschichtungen, abtrennbare Folienanteile und gezielte Recyclingtechnologien können Teil der Lösung sein. Entscheidend ist nicht allein, ob eine Verpackung aus Papier besteht, sondern ob sie im realen System funktioniert.

Für die flexible Verpackungsbranche bedeutet das: Zukunftsfähige Verpackungen entstehen dort, wo Materialentwicklung, Recyclingpraxis, regulatorische Anforderungen und Anwendungstechnik zusammen gedacht werden. Genau dafür bieten Formate wie die INNO-Fiber einen wichtigen Raum – mit Einblicken aus der Praxis, offenen Diskussionen und konkreten Lösungsansätzen für die Verpackungskreisläufe von morgen.

Das Interview

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Transkript

Wir sind hier auf der ersten Inno-Fiber und wir machen hier eigentlich bei Innoform vor allem Folien, Flexpack, jetzt auch mehr und mehr Papier. Etwas, was Leipa schon sehr lange macht, sowohl Folien als auch Papiere. Und bei mir ist jetzt Robin Husmann. Robin, du zeigst uns erst einmal, was Leipa macht, was ihr vor allem papierseitig macht. Was ist die Key Essence aus deinem Vortrag? Ich glaube, dass ich aufzeigen will, dass wir mit dem Recycling verschiedene Wege haben.

Also ob man dann Fasern zurückgewinnen kann, ob man auch Folien zurückgewinnen, als Polyolefine zurückgewinnen kann, dass wir einfach auch 90 % Recyclingrate mit Verbunden erreichen können und das mit einer Reihe von Verbunden, wenn wir die technische Innovation angehen und investieren. Das heißt, wenn ihr euch die Welt malen könntet, wie das Altpapier aussehen würde, dann wärt ihr für fast schon klassische Verbunde aus Papier mit Polyolefinbeschichtungen?

Ich glaube, dass man das immer anpassen muss auf den Kunden, welche Wirkungen er erzielen will auf dem Markt, ob dort Littering stattfindet oder nicht stattfindet. Aber wenn wir sagen, was können wir am besten aus dem Kreislauf entfernen, sind wir entweder bei Polyolefinbeschichtungen, die als Folien ganzheitlich abtrennbar sind, oder sind bei bioabbaubaren Verbunden, die eben nicht dann im Kreislauf bleiben. Was seht ihr denn heute vor allem als Reject? Ihr recycelt ja Papiere selber.

Ihr seht, das kommt genau bei euch an. Was fällt bei euch an, wenn man sich die Reject-Fraktion einmal anguckt? Was finden wir denn alles drin? Ich würde sagen, so ziemlich alles. Also wir hatten in der Vergangenheit von kleinen Granaten bis zu Kuhfüßen bis zu großen Metallteilen und Betonteilen ungefähr alles. Das kenne ich wie auf der Sortieranlage. Absolut. Also wir sind kreativ, was wir in Tonnen werfen können. Ich frage mich auch immer, wie man sie in Tonnen bekommt.

Aber wenn man sich das in toto anguckt, haben wir ein sehr sauberes Altpapier in Deutschland. Je nach Einsammelquelle, ob das Hochhaussiedlungen, anonyme Tonnen sind, eher mehr Verunreinigungen, bei Einzelhäusern eher weniger Verunreinigungen. Aber wenn man das deutsche Altpapier im Vergleich zu vielen europäischen Ländern anguckt, sollten wir, weil das trocken und nicht lebensmittelkontaminiert ist, sehr glücklich sein. Kommt das denn bei euch schon vorsortiert an oder ist das jetzt direkt von den Haushalten zu euch?

Es kommt meistens vorsortiert an. Wir stellen ja sowohl grafische Papiere als auch weiße Verpackungspapiere her, zumindest mit einer weißen Decke. Legen wir viel Wert darauf, dass es vorsortiert wird, dass wir eben aus dem weißen Papier eine weiße Decke machen können und aus dem braunen Papier dann wieder Verpackungspapier. Jetzt reden wir dann eben, Papier auch mehr in Verpackung zu bringen, bedeutet auch mehr Lebensmittelverpackung. Haben wir in verschiedenen Vorträgen gehört, dass das doch ein großer Markt ist.

Gleichzeitig reden wir davon, wie groß das Problem von Kleberesten, Fettresten im Pizzakarton ist. Wie passt das zusammen? Wie können wir mehr und mehr Lebensmittel oder Papiere in Lebensmittelverpackungen bringen, ohne gleichzeitig den Altpapierstrom kaputt zu machen? Na ja, wir müssen halt eine sinnvolle Grenze setzen. Der Pizzakarton, glaube ich, stört uns solange die Pizza daraus ist weniger, also wenn da ein Fettfleck darauf ist.

Es ist, glaube ich, auch nicht schlimm, wenn man Verpackungen für trockene Lebensmittel hat. Wenn wir aber dann in Fette oder vor allem feuchte Lebensmittel gehen, dann kriegen wir halt Mikrobiologie rein, weil wir die Restentleerung nicht hinbekommen. Jetzt weiß ich, du bist auch in vielen runden Tischen dabei, berätst da auch mit Einblicken aus der Praxis. Kommt das gut an? Hoffnung, dass dieser Einfluss von Lebensmittel, von Organik auf das Altpapier wie berücksichtigt wird? Wir müssen halt Lösungen anbieten.

Recycling-Lösungen für gemischte Materialströme

Also es bringt nichts zu sagen, es geht nicht, sondern wenn wir Ströme haben und wir haben heute mit dem PPK aus LVP, was leider nicht ausreichend recycelt wird, einen Strom, wo man eben auch solche Verpackungen recyceln könnte. Wir haben im letzten Jahr erreicht, dass das Bundesinstitut für Risikoabschätzung genehmigt hat, dass man in den Recyclingstrom für den indirekten Lebensmittelkontakt das hineinnimmt, was eine akademische Lösung ist.

Wir sind hoffnungsvoll, dass zu Ende April eine weniger akademische Lösung kommt und dann hätten wir Technologien, um auch das zu gewährleisten. Ja, super spannend. Danke, dass du da bist und dass du uns die Einblicke hier bei Innoform in deine praktische Arbeit gibst. Vielen Dank für die Einladung und vielen Dank für die guten Gespräche hier zwischendrin. Super, die haben wir. Danke. Danke. Tschüss. Ciao.