Überraschende Erkenntnis aus Brüssel: Kunststoff legt weiter zu
Das Joint Research Centre (JRC) der Europäischen Kommission hat im Juli 2026 eine umfangreiche Analyse der Verpackungsmengen in 19 EU-Mitgliedstaaten veröffentlicht. Das Ergebnis überrascht viele Marktbeobachter: Kunststoff ist die einzige Verpackungsmaterialgruppe, die zwischen 2011 und 2025 einen klaren Wachstumstrend zeigt.
Gleichzeitig wird deutlich, dass die Diskussion um Verpackungen differenzierter geführt werden muss, als dies häufig in der öffentlichen Debatte geschieht. Während vielerorts von einer Abkehr vom Kunststoff gesprochen wird, zeigen die offiziellen Daten der Europäischen Kommission ein anderes Bild.
Europa verbraucht weiterhin große Mengen Verpackungen
In den untersuchten Ländern wurden durchschnittlich rund 98 kg Verpackungsmaterial pro Einwohner in Verkehr gebracht. Lebensmittel- und Getränkeverpackungen machen dabei den überwiegenden Anteil aus.
Die Studie betrachtet:
- Kunststoffe
- Glas
- Papier und Karton
- Metalle
- Verbundmaterialien
Besonders interessant ist dabei die Entwicklung einzelner Materialgruppen.
Die „Gewinner“: Kunststoffverpackungen
Die Kernaussage der Studie lautet:
Kunststoff ist die einzige Verpackungskategorie, die zwischen 2011 und 2025 europaweit gewachsen ist.
2025 wurden in den untersuchten Ländern rund 5,9 Millionen Tonnen Kunststoffverpackungen in Verkehr gebracht. Dies entspricht durchschnittlich etwa 14 kg pro Einwohner.
Besonders stark vertreten sind:
- PET-Flaschen für Wasser und Erfrischungsgetränke
- PP-Verpackungen für Lebensmittel
- Verpackungen für Molkereiprodukte
- Verpackungen für verarbeitete Lebensmittel
PET bleibt europaweit der bedeutendste Einzelkunststoff im Consumer-Bereich. In einigen Ländern wie Finnland, Irland, den Niederlanden und Schweden erreicht oder übertrifft jedoch Polypropylen (PP) bereits die Bedeutung von PET.
Die Verlierer: Glas, Papier und Metall stagnieren
Die Studie benennt zwar keine exakten Rückgänge einzelner Materialarten, stellt jedoch ausdrücklich fest, dass nur Kunststoff einen positiven Trend zeigt. Daraus lässt sich ableiten, dass andere Materialgruppen über den Betrachtungszeitraum entweder stagnieren oder rückläufig sind.
Das ist bemerkenswert, weil viele politische Diskussionen der vergangenen Jahre suggerierten, Papier- oder Glasverpackungen würden Kunststoff massiv ersetzen.
Die Realität scheint deutlich differenzierter zu sein:
- Papier wächst zwar in einzelnen Anwendungen, ersetzt Kunststoff jedoch nicht flächendeckend.
- Glas bleibt bedeutend, vor allem bei Getränken.
- Metallverpackungen spielen weiterhin eine wichtige Rolle, wachsen jedoch nicht dynamisch.
Warum boomt Kunststoff trotz PPWR und Kreislaufwirtschaft?
Die Antwort liegt in den physikalischen Eigenschaften.
Kunststoffe bieten:
- geringes Gewicht
- hohe Produktschutzfunktion
- niedrigen CO₂-Fußabdruck beim Transport
- gute Barriereeigenschaften
- hohe Designfreiheit
- effiziente Verarbeitung
Gerade im Flexpack-Bereich sind diese Eigenschaften entscheidend. Flexible Verpackungen benötigen oft nur einen Bruchteil des Materials vergleichbarer starrer Verpackungslösungen.
Mehrere internationale Studien kommen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Kunststoffverpackungen in vielen Anwendungen aufgrund ihrer Ressourceneffizienz weiterhin eine zentrale Rolle spielen werden – allerdings zunehmend in kreislauffähigen Ausführungen.
Was bedeutet das für flexible Verpackungen?
Für die Flexpack-Branche enthält die JRC-Analyse eine wichtige Botschaft:
1. Flexible Verpackungen werden nicht verschwinden
Die Marktdaten zeigen, dass Kunststoffverpackungen weiterhin gefragt sind. Ein pauschaler Materialwechsel findet auf europäischer Ebene nicht statt.
2. Monomaterial-Lösungen gewinnen an Bedeutung
Die PPWR fordert bessere Recyclingfähigkeit. Dadurch steigt die Nachfrage nach:
- PE-Monomaterial-Strukturen
- PP-Monomaterial-Strukturen
- recyclinggerechten Barrierekonzepten
Der Trend verlagert sich also weniger weg vom Kunststoff als hin zu besser recyclebaren Kunststofflösungen.
3. Barriere bleibt entscheidend
Die größten Verpackungsmengen entfallen auf Getränke, Molkereiprodukte und verarbeitete Lebensmittel. Genau diese Anwendungen benötigen oftmals definierte Sauerstoff-, Wasserdampf- oder Aromabarrieren.
Hier werden innovative Flexpack-Konzepte weiterhin benötigt.
Deutschland im europäischen Vergleich
Interessant ist auch die Position Deutschlands.
Deutschland liegt mit rund 16 kg Kunststoffverpackungen pro Kopf über dem Durchschnitt der untersuchten Länder von etwa 14 kg pro Einwohner.
Schweden kommt dagegen auf deutlich niedrigere Werte. Die Unterschiede zeigen, wie stark Konsumgewohnheiten, Verpackungssysteme und Getränkemärkte die Materialnutzung beeinflussen.
Glas bleibt Schwergewicht – wortwörtlich
Obwohl Kunststoff wächst, dominiert Glas weiterhin das Gesamtgewicht aller Verpackungen.
Rund drei Viertel des gesamten Verpackungsgewichts entfallen auf Glas. Dafür verantwortlich ist vor allem die hohe Materialdichte. Bierflaschen stellen hierbei die größte Einzelanwendung dar.
Dies verdeutlicht erneut einen wichtigen Punkt:
Gewicht ist nicht gleich Umweltwirkung.
Eine Verpackung aus Glas kann trotz guter Recyclingfähigkeit aufgrund ihres hohen Gewichts bei Herstellung und Transport erhebliche Umweltwirkungen verursachen. Daher fordert die europäische Verpackungspolitik zunehmend eine ganzheitliche Betrachtung über den gesamten Lebenszyklus einer Verpackung.

Fazit: Der Wandel findet innerhalb des Kunststoffs statt
Die aktuelle Analyse der Europäischen Kommission zeichnet ein deutlich anderes Bild als manche öffentliche Diskussion.
Die entscheidende Entwicklung lautet nicht:
„Weg vom Kunststoff“
sondern vielmehr:
„Hin zu besserem Kunststoff“.
Kunststoffverpackungen wachsen weiterhin, während andere Materialgruppen überwiegend stagnieren. Für die Flexpack-Industrie bedeutet dies eine Bestätigung der strategischen Ausrichtung auf:
- recyclingfähige Monomaterialien
- reduzierte Materialeinsätze
- verbesserte Kreislauffähigkeit
- hochwertige Barrierekonzepte
Die Zukunft der Verpackung liegt offenbar nicht im Ersatz flexibler Kunststoffverpackungen, sondern in deren intelligenter Weiterentwicklung.
„Die eigentliche Transformation findet nicht zwischen den Materialien statt, sondern innerhalb der Materialwelt Kunststoff – von schwer recycelbaren Multimaterialstrukturen hin zu kreislauffähigen, ressourceneffizienten Verpackungslösungen.“
Redaktionelle Einordnung von Innoform
Während die Gesamtmenge der betrachteten Verpackungen in der EU zwischen 2011 und 2025 weitgehend stabil blieb, war Kunststoff die einzige Materialgruppe mit einem klaren Mengenwachstum. Die JRC beziffert dieses Wachstum auf rund 11 % in absoluten Mengen. Für Glas, Papier/Pappe, Metalle und Mischmaterialien werden in der Kurzveröffentlichung keine positiven Wachstumsraten genannt.
Die Ergebnisse bestätigen einen Trend, den viele Akteure der Flexpack-Branche bereits beobachten: Nachhaltigkeit bedeutet nicht zwangsläufig Materialwechsel. Vielmehr rücken funktionale, leichte und recyclingfähige Verpackungslösungen in den Fokus. Für Hersteller flexibler Verpackungen besteht die zentrale Herausforderung darin, Produktschutz, Ressourceneffizienz und Recyclingfähigkeit gleichzeitig zu optimieren. Genau hier wird sich künftig entscheiden, welche Verpackungskonzepte im Markt erfolgreich sein werden.
Quellen
Joint Research Centre (JRC) der Europäischen Kommission
Estimating Packaging Placed on the Market at National Level (2026)
Joint Research Centre (JRC) der Europäischen Kommission
Packaging Estimates Model Results (Version 2.0)
Verordnung (EU) 2025/40 über Verpackungen und Verpackungsabfälle (PPWR)
