Wie sich die Flexpack‑Industrie neu ausrichtet
Ein Gespräch mit Heiko Schenk über Technologie, Nachhaltigkeit und Marktumbrüche
Die flexible Verpackungsindustrie befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Nachhaltigkeitsanforderungen, volatile Rohstoffmärkte und enorme technologische Fortschritte verändern gleichermaßen Materialien, Prozesse und Machtverhältnisse entlang der Wertschöpfungskette.
In der aktuellen Episode des Innoform Podcasts spricht Julian Thielen mit Heiko Schenk, Polymerchemiker, langjähriger Industrieexperte und Berater, über genau diese Veränderungen – von moderner Extrusionstechnologie über Orientierungsverfahren bis hin zur aktuellen Rolle von Rezyklaten.
Vom Polymerchemiker zum strategischen Berater
Heiko Schenk blickt auf mehr als drei Jahrzehnte Industrieerfahrung zurück. Nach seinem Einstieg Ende der 1980er‑Jahre bei DuPont war er bis zum Merger bei Dow tätig – mit einem klaren Fokus auf Polymere, Haftvermittler, Peel-Lösungen und technische Anwendungen.
Sein roter Faden:
- tiefe Material- und Verfahrensexpertise,
- Projektmanagement entlang globaler Wertschöpfungsketten (u. a. mit Markenartiklern wie Unilever oder Kraft),
- enge Zusammenarbeit mit führenden Extrusionsmaschinenherstellern.
Seit 2022 ist er mit einer eigenen Beratung aktiv. Seine Arbeit ruht heute auf drei Säulen:
Investitionsberatung für Extrusionsanlagen, internationales Projektmanagement sowie Schulungen – insbesondere Inhouse, maßgeschneidert auf Unternehmen und Anwendungen. Gerade diese Inhouse-Formate ermöglichen eine Offenheit, die in gemischten Schulungsgruppen oft nicht erreichbar ist.
Extrusion heute: deutlich mehr als Blasfolie
Lange wurde Extrusion stark mit Blasfolie gleichgesetzt. Doch das greift heute zu kurz. Neben Blas‑ und Gießfolien spielen Orientierungstechnologien eine immer zentralere Rolle.
Heiko Schenk benennt drei relevante Verfahren:
- Tenterframe-Verfahren (klassisch, z. B. Bruckner),
- MDO (Machine Direction Orientation), inzwischen sowohl für Blas‑ als auch für Gießfolien inline verfügbar,
- Triple‑Bubble, außerhalb des deutschsprachigen Raums bereits mit mehreren hundert installierten Anlagen erfolgreich im Einsatz.
Gerade diese Verfahren eröffnen neue Wege, Polyethylen-Folien gezielt zu orientieren – eine Grundvoraussetzung für leistungsfähige Monomaterial-Lösungen.
Nachhaltigkeit: Déjà-vu mit neuen Rahmenbedingungen
Die aktuellen Nachhaltigkeitsdiskussionen erinnern Heiko Schenk stark an die Zeit Anfang der 1990er‑Jahre: Auch damals galten Kunststoffverpackungen als Problem, auch damals war der öffentliche Druck massiv.
Der Unterschied zu heute:
- Die Regulierung ist europa‑ und weltweit,
- die Investitionsvolumina deutlich größer,
- die technologischen Werkzeuge erheblich leistungsfähiger.
Ein bewährtes Prinzip hat sich jedoch bestätigt:
Gewichtsreduktion wirkt.
Über Jahrzehnte wurden Folien konsequent dünner – bei gleichzeitig besserer Performance. Stretchfolien sind dafür ein eindrückliches Beispiel: Heute benötigen sie weniger als ein Drittel der Materialmenge von früher.
Parallel dazu ersetzten flexible Kunststoffe Glas und Metall – etwa durch den Siegeszug des Standbodenbeutels.
Neue Machtverhältnisse in der Wertschöpfungskette
Ein oft unterschätzter Wandel betrifft die Entscheidungsstrukturen im Markt. Anforderungen kommen heute nicht mehr primär von Markenartiklern, sondern zunehmend vom Handel.
Große Handelsgruppen wie die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) verfügen inzwischen über eigene Verpackungsexpertise – ein klarer Unterschied zu vor 30 Jahren. Das beeinflusst Materialwahl, Recyclingfähigkeit und Designentscheidungen erheblich.
Orientierung von Polyethylen: Schlüssel zu Monomaterialien
Ein technologischer Durchbruch der letzten Jahre ist die Orientierung von Polyethylen-Folien. Seit der K 2019 zeigt sich deutlich:
Mit geeigneten Verfahren lassen sich heute PE‑Monomaterialien herstellen, die klassischen Verbunden in vielen Anwendungen nahekommen.
Beispiele:
- MDO als Ersatz für PET-Außenlagen,
- Tenterframe‑ und Triple‑Bubble‑Verfahren für höhere Dichten,
- Gewichtsreduktionen von bis zu 40 % bei Deckelfolien – ohne Performanceverlust.
Triple Bubble ermöglicht darüber hinaus eine gezielte Einstellung des Schrumpfverhaltens – von hohen Schrumpfraten bis nahezu null, etwa für Anwendungen in der Elektromobilität.
Rezyklate: technologisch machbar, wirtschaftlich herausfordernd
Post-Consumer-Rezyklate (PCR) sind kein Neuland. In Transportverpackungen werden sie seit Jahren erfolgreich eingesetzt – insbesondere in Mittelschichten moderner Mehrschichtfolien.
Der technologische Vorteil heute:
- stabile Rezepte von Rohstoff‑ und Maschinenherstellern,
- reproduzierbare Qualität,
- kaum eigene Entwicklungsarbeit notwendig.
Die wirtschaftliche Realität bleibt jedoch differenziert:
Hohe Qualität bedeutet höhere Preise, günstigere Rezyklate bringen stärkere Schwankungen. Erfolgreich ist, wer Technik und Business gemeinsam denkt und Materialien gezielt dort einsetzt, wo Toleranzen vorhanden sind.
Rohstoffkrise als Katalysator für Recycling
Die geopolitischen Spannungen und Produktionsausfälle im Mittleren Osten haben 2026 zu massiven Preissteigerungen geführt – bei Neuware wie bei Rezyklaten.
Historische Parallelen (z. B. Wintersturm „Uri“ 2021) zeigen:
Solche Krisen wirken langfristig und treiben Preise oft über Jahre.
Für das Recycling ist das aktuell eine Ausnahmephase: Endlich lassen sich Investitionen wieder darstellen. Gleichzeitig mahnt Heiko Schenk:
Ohne verlässliche politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen droht Europa, weiter Recyclingkapazitäten zu verlieren – während Länder wie China strategisch auf Kreislaufwirtschaft und erneuerbare Energien setzen.
Kurze Einordnung: Hype oder Zukunft?
Zum Abschluss des Gesprächs ordnet Heiko Schenk zentrale Schlagworte ein:
- Papierverpackungen: werden zunehmen – aber anwendungsabhängig
- Biokunststoffe: aktuell wenig sinnvoll ohne Recyclingstrom
- Chemisches Recycling: notwendig für Lebensmittelanwendungen
- KI in der Folienherstellung: bereits Realität, weiter wachsend
- Gelber Sack: funktionierendes Erfolgsmodell
- Made in China: führend bei Polymeren – Europa bei Maschinen und Recyclingtechnologien noch stark, aber gefährdet
Fazit
Die Flexpack-Industrie steht nicht vor ihrem Ende, sondern vor einer Neujustierung.
Technologisch sind viele Lösungen vorhanden – von orientierten PE‑Folien bis zu intelligent eingesetzten Rezyklaten. Entscheidend wird sein, Investitionen, Regulierung und Technologiekompetenz zusammenzubringen.
Oder, wie es im Gespräch deutlich wird:
Nicht Panik ist gefragt, sondern ein nüchterner, faktenbasierter Blick – und der Mut, bestehende Technologien konsequenter zu nutzen.
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