PFAS-Regulierung: Anspruch trifft Realität
Ab dem 12. August 2026 gelten neue Grenzwerte für PFAS in Lebensmittelverpackungen:
- 25 ppb für Einzelstoffe
- 250 ppb für die Summe
- 50 ppm für Gesamt-PFAS
Diese Anforderungen sind ambitioniert – und stellen viele Unternehmen vor praktische Herausforderungen.
Dr. Ernst Simon (Flexible Packaging Europe) ordnet die Situation im InnoTalk so ein:
„Die PFAS-Regulierung für Lebensmittelverpackungen in der PPWR ist ein Schnellschuss.“
Seine Kritik richtet sich vor allem gegen die Umsetzungsgeschwindigkeit. Parallel zur PPWR läuft eine umfassende PFAS-Beschränkung im Rahmen von REACH, die deutlich breiter angelegt ist und langfristiger entwickelt wird. Die PPWR hingegen greift kurzfristig in einen konkreten Marktbereich ein.
Das zentrale Problem:
- Es fehlen harmonisierte Prüfmethoden
- Leitfäden sind uneinheitlich und in Bewegung
- Testkapazitäten sind begrenzt
Damit stehen Unternehmen vor einer anspruchsvollen Situation: klare Grenzwerte – aber keine eindeutig standardisierte Prüfpraxis.
Analytik im Realitätscheck: Was heute schön möglich und nötig ist
Während Ernst Simon die regulatorischen Spannungsfelder beschreibt, zeigt Dr. Tim Schlüter (Innoform Testservice), wie die Industrie praktisch mit dieser Situation umgehen kann.
Seine Kernaussage:
„Das größte Problem ist: Es gibt keine harmonisierten Analysemethoden.“
Gesamtfluor als pragmatischer Einstieg
In der Praxis beginnt die Bewertung häufig mit dem Gesamtfluorgehalt (TF). Dieser dient als Screening, um kritische Materialien schnell zu identifizieren.
Liegt der Gesamtfluorgehalt unter einem bestimmten Schwellenwert, kann das Material zunächst als unkritisch eingestuft werden. Ist er höher, sind detailliertere Untersuchungen erforderlich.
Der Vorteil dieses Ansatzes:
- schnelle Orientierung
- breite Anwendbarkeit
Der Nachteil:
Ein niedriger Gesamtwert bedeutet nicht automatisch, dass die strengen ppb-Grenzen eingehalten werden.
Differenzierung: Organisches vs. anorganisches Fluor
Um genauer zu werden, unterscheidet die Analytik zwischen:
- anorganischem Fluor (z. B. aus Mineralien)
- organischem Fluor (inkl. PFAS)

Der PFAS-relevante Anteil wird über den organischen Fluoranteil abgeschätzt. Dieser ergibt sich aus der Differenz zwischen Gesamtfluor und anorganischem Fluor.
Das Verfahren ist jedoch anspruchsvoll:
- Ergebnisse hängen stark von Messbedingungen ab
- Reproduzierbarkeit ist entscheidend
Grenzen der aktuell diskutierten Methoden
Die im Leitfaden vorgeschlagenen Analysenverfahren sind aus Sicht von Tim Schlüter nicht uneingeschränkt geeignet.
Abbildung 4: Grenzen der Methodik
Insbesondere:
- Pyrolyse-GC/MS kann unvollständige Ergebnisse liefern
- TOP-Assays sind nicht vollständig kompatibel mit der Logik der PPWR
Damit entsteht ein realistisches Bild:
Die Analytik liefert heute wertvolle Hinweise – aber keine abschließende Sicherheit.
Praxisfrage aus dem InnoTalk
Eine häufig gestellte Zuschauerfrage lautete:
„Muss ich prüfen, wenn ich keine PFAS absichtlich einsetze?“
Die Antwort von Ernst Simon ist klar:
- Entscheidend ist der Gehalt im Material, nicht die Absicht
- Auch unbeabsichtigte Einträge aus Rohstoffen oder Prozessen sind relevant
„Nicht absichtlich zugesetzt“ ersetzt keine Prüfung.
Was Unternehmen jetzt konkret tun sollten
Trotz unklarer Rahmenbedingungen lassen sich klare Handlungsschritte ableiten:
1. Risiken systematisch bewerten
- Wo entstehen potenzielle PFAS-Einträge?
- Welche Materialien sind kritisch?
2. Lieferketten einbinden
- Informationen zu PFAS aktiv einfordern
- Transparenz dokumentieren
3. Screening aufbauen
- Einstieg über Gesamtfluor
- schrittweise Vertiefung bei Auffälligkeiten
4. Priorisieren statt überanalysieren
- Fokus auf bekannte Risikobereiche
- pragmatisches Vorgehen statt Vollprüfung
Fazit
Die PFAS-Regulierung bringt die Branche in eine Übergangsphase:
klare Ziele – aber noch unklare Wege dorthin.
Die Beiträge von Ernst Simon und Tim Schlüter zeigen jedoch:
- Die Herausforderungen sind verstanden
- praktikable Ansätze sind vorhanden
- ein strukturierter Umgang ist möglich
Nicht auf perfekte Lösungen warten – sondern Unsicherheit aktiv managen und systematisch handeln.
