Die Analysen von Matthias Giegebl zeigen eine nachweisliche Zunahme von Papierverpackungen, mit weiterem Wachstumspotenzial bis 2030. Neben Konsumentenpräferenzen spielen vor allem regulatorische Entwicklungen, insbesondere die PPWR, eine zentrale Rolle. Diese schafft im Vergleich zwischen Papier und Kunststoff zusätzliche Anreize zugunsten papierbasierter Lösungen.
Gleichzeitig wurde klar: Auch Papier ist kein Selbstläufer. Zwar profitiert es von einer gut etablierten Recyclinginfrastruktur, hat aber ebenfalls Herausforderungen – etwa bei der tatsächlichen Recyclingfähigkeit komplexer Anwendungen. Kunststoffe hingegen kämpfen europaweit vor allem mit einer uneinheitlichen Infrastruktur. Genau daraus entsteht aktuell ein Innovationswettbewerb, in dem die Papierseite derzeit besonders aktiv ist.
Anwendungen: Raus aus der Nische – aber nicht ohne Einschränkungen
Ein zentrales Ergebnis der Auswertungen: Papierverpackungen finden sich inzwischen in nahezu allen Branchen. Besonders stark sind Markteinführungen im Bereich Süßwaren, auf die zuletzt rund 30 % der papierbasierten Neuprodukte entfielen. Auch in sensibleren Bereichen wie Tiefkühlanwendungen gibt es erste Versuche – ob diese sich langfristig bewähren, bleibt offen.
Gerade bei Schokolade wurden jedoch auch die Grenzen deutlich: Themen wie Durchstoßfestigkeit (z. B. bei Nüssen oder Cerealien) sowie Produktreste, die das Papierrecycling stören können, zeigen, dass nicht jede Anwendung trivial umzustellen ist. Deutlich einfacher sind trockene Lebensmittel wie Reis, Nudeln oder viele Müsliprodukte. Hier lassen sich mit vergleichsweise geringem Aufwand papierbasierte Lösungen realisieren – teils sogar mit funktionalen Zusatznutzen.
„Wir sehen Papierverpackungen inzwischen in nahezu allen Branchen – raus aus der Nische, aber nicht ohne Kompromisse.“
Matthias Giebel, INNO‑Fiber 2026
Barrieren: Kosten, Maschinengängigkeit und Unsicherheit
Als größte Hemmnisse für eine breitere Umsetzung identifizierte der Vortrag drei Faktoren: Kosten, Maschinengängigkeit und regulatorische Unsicherheit. Während Kosten häufig das kurzfristige Argument sind, stellt die Umstellung bestehender Abfüll- und Verpackungslinien eine mittelfristige strategische Aufgabe dar – ähnlich wie früher der Wechsel von Multilayer‑ zu Monolayer‑Kunststoffen.
Langfristig könnten Instrumente wie Eco‑Modulation Einfluss nehmen, allerdings ist deren Umsetzung auf europäischer Ebene uneinheitlich. Einzelne nationale Lösungen sorgen derzeit eher für zusätzliche Komplexität und Verunsicherung. Der Appell an Markenartikler und Verpackungsunternehmen: nicht nur kurzfristig rechnen, sondern entlang klarer Kriterien planen.
Drei zentrale Stellschrauben
Aus Sicht von Matthias Giebel sollten Unternehmen ihre Entscheidungen konsequent an drei Kernthemen ausrichten:
- Recyclingfähigkeit
- Recyclinginfrastruktur
- Rezyklateinsatz bei Kunststoffen
Kosten würden sich – so die Einschätzung – langfristig diesen Anforderungen unterordnen, da es letztlich um Compliance gehe und nicht um freiwillige Einzelmaßnahmen.
Mehr Dialog statt Einzeltests
Ein weiteres zentrales Thema war die Kommunikation entlang der Wertschöpfungskette. Während Markenartikler vielfach von einer Bevorzugung von Papier durch die PPWR überzeugt sind, nimmt diese Überzeugung bei Konvertern bereits ab – nicht zuletzt aufgrund von Kostendruck. Das führt dazu, dass Projekte trotz erfolgreicher Entwicklung in letzter Minute gestoppt werden.
Die Empfehlung: früher in praktische Versuche gehen, Erfahrungen sammeln und schrittweise Produktlinien umstellen, statt in endlosen Testschleifen zu verharren. Gleichzeitig braucht es mehr Offenheit im Dialog – zwischen Marken, Verpackungsherstellern und weiteren Akteuren der Kette.
Fazit: Paperization ist real – aber kein Selbstzweck
Der Auftaktvortrag machte deutlich: Paperization ist kein Hype, sondern ein relevanter Entwicklungspfad. Erfolgreich wird sie jedoch nur dort sein, wo technische Machbarkeit, regulatorische Anforderungen und wirtschaftliche Realitäten gemeinsam gedacht werden. Die Diskussion auf der INNO‑Fiber 2026 hat dafür eine fundierte Grundlage geliefert.
Transkript
Jawohl. Wir haben jetzt Matthias Giebel bei uns. Er hat uns den Auftaktvortrag gegeben heute und von hoher Flugebene, aus verschiedenen Perspektiven, auch mit einer Umfrage dabei, den Paperization als Trend erst einmal infrage gestellt, aber dann gezeigt, dass wir mittendrin sind in dem Trend. Was waren die Key Learnings bei dir daraus?
Erst einmal, wie du schon gesagt hast: Wir können nachweislich sagen, dass wir eine deutliche Zunahme von Papierverpackungen haben und im Hinblick auf den Ausblick Richtung 2030 ist auch aufgrund der Befragung mit einer weiteren Zunahme zu rechnen. Wir glauben tatsächlich, dass neben den in einem anderen Vortrag behandelten Konsumentenpräferenzen, aber auch die regulatorischen Aspekte da eine große Rolle spielen.
Und wir sehen, dass die PPWR gerade bei dem Vergleich Papier gegen Kunststoff gewisse Präferierungen in Richtung Papier durchführt. Allerdings hat auch das Papier noch Themen bei der Recyclingfähigkeit, auf der anderen Seite eine gute Recyclinginfrastruktur. Kunststoffe an sich haben eben die Probleme mit der Infrastruktur beim Recycling, wenn wir eine europaweite Perspektive haben. Wir glauben, da findet gerade ein spannender Innovationswettbewerb statt, in dem tatsächlich die Papierseite momentan deutlich aktiver ist.
Du hast auch gezeigt, die Markteinführungen von papierbasierten Verpackungen sind vor allem bei Süßwaren gerade. Ich glaube, 30 % aller Einführungen lagen in diesem Bereich. Wird das weiter anziehen dort? Oder siehst du vielleicht auch Branchen, die jetzt stark nachziehen werden? Hast du eine kleine Zukunftsvorhersage? Ja, erst einmal haben wir tatsächlich mal systematisch über drei Jahre das ausgewertet und wir haben die erste Erkenntnis, wir sehen es eigentlich schon in jeder Branche.
Das heißt, selbst im Tiefkühlbereich sehen wir erste Anwendungen. Ob die nun sinnvoll sind und langfristig sich durchsetzen… Also so gesehen ist es raus aus der eigentlichen Nische. Trotzdem haben wir natürlich Top-Anwendungsbereiche und ich glaube tatsächlich, bei der Schokolade hat man relativ früh damit angefangen. Man hat aber auch festgestellt in einzelnen Fällen, dass es nicht so ganz einfach ist, was Durchstoßfestigkeiten angeht, wenn man Nüsse darin hat oder Cornflakes.
Die Themen, die sind ja mittlerweile auch schon bekannt. Auch, dass Reste verbleiben tatsächlich auch in Schokoladenverpackungen und die stören dann wieder auch im Recycling. Das ist ja auch wieder so ein Thema. Es gibt natürlich unkritischere Bereiche, trockene Lebensmittel, Reis, Nudeln, selbst die meisten Müslis. Da ist noch erstaunlich viel mit relativ wenig Aufwand umzustellen.
Man könnte sogar, wenn man dann noch eine vernünftige Mineralölbarriere darauf bringt, was ja viele klassische Kunststoffverpackungen in dem Bereich auch nicht haben, weil sie Polyolefine verwenden, hätte man sogar ein Add-on. Wir wissen aber auch aus einzelnen Interviews, die Produktsichtbarkeit ist dann natürlich einigen Brand Ownern, und da müsste man wieder mit Fenstern operieren, da geht man wieder in Kunststoff rein, dann hat man wieder eine reduzierte Recyclingfähigkeit.
Also man merkt, es gibt da noch Felder, man muss dann Kompromisse eingehen. Wir sehen aber eine zunehmende Bereitschaft dazu und der ganze Hygienebereich bietet darüber hinaus auch noch riesige Felder. Und das sind erst einmal die low hanging fruits, sage ich mal. Und wo siehst du denn dann noch die größten Hindernisse? Sind es dann die Kosten des Papiers, was in erster Linie allein schon wegen der höheren Masse oder des Gewichtes höher sein kann? Ist es die Performance auf der Maschine?
Regulatorische Unsicherheiten bei Kunststoffumstellung
Sind es die regulatorischen Unsicherheiten, die ja auch noch herrschen? Hast du ja auch aufgezeigt. Was hindert aktuell am meisten? Das Kostenthema ist natürlich immer kurzfristig das Argument. Die Maschinengängigkeit ist tatsächlich ein länger mittelfristiges Argument, weil man natürlich schon mit den ersten Versuchen, hier wird es ja auch Vorträge dazu geben, ich kann nicht jede Kunststoffverpackungslinie auf Papier umstellen. Da muss man sich längerfristig mit auseinandersetzen.
Das muss man aber auch schon, wenn man von Multilayer auf Monolayer-Kunststoffe geht. Deswegen sage ich, diese Umstellung hat es ja immer gegeben in der Vergangenheit. Die Kosten werden, glaube ich, über die Eco-Modulation, so sie denn mal irgendwann greift, hoffentlich eine Rolle spielen. Wir haben das Thema ja im anderen Kontext auch schon mal diskutiert. Da ist natürlich auch noch eine hohe Komplexität darin und dann steht da, die Länder können über die Eco-Modulation Einfluss nehmen. Da steht ja nicht, sie müssen.
Einzelne Länder machen es schon, was gerade auch zu einer großen Verwirrung führt. Also ich glaube, es ist eine Gemengelage. Deswegen sagen wir auch in den Gesprächen immer den Brand Ownern oder auch den Verpackungsunternehmen, einfach längerfristig an diesen Kriterien – Recyclingfähigkeit, Recyclinginfrastruktur, Rezyklateinsatz bei den Kunststoffen – denken. Das sind so die drei Stellschrauben. Und die Kosten, die werden sich denen fügen, weil es ja letzten Endes alle machen müssen. Da reden wir ja über Compliance.
Genau, wir haben tatsächlich auch dazu noch Vorträge. Wir werden uns angucken, wie sich das von den Lizenzkosten verhält. Das Glückliche in dem Sinne ist ja, dass wir hier gar nicht um Eco-Modulation reden, sondern wir immer schon Tarife haben für reines Papier und reine Kunststoffe. Wenn ihr jetzt mit den Brands sprecht, aber auch mit vielen Verpackungsherstellern, findest du, da wird auch viel miteinander gesprochen oder eher übereinander? Oder wo fehlt an der Kette vielleicht auch die Kommunikation?
Gerade wenn wir Recyclability ansprechen, sehen wir, wir haben noch gar nicht so viel Erfahrung, was funktioniert im Strom und was nicht. Wie funktioniert die Kette papierseitig? Also grundsätzlich funktioniert ja eine Kette immer auf Zug und nicht auf Druck.
Und deswegen, aus der Logik müsste man ja daraus folgen, dass wenn in unserer Befragung sich gezeigt hat, dass die Markenartikler am stärksten der Überzeugung sind, dass die PPWR, die letztendlich Papier präferiert, also bevorzugt und damit fördert, dann müssten die ja eigentlich ihre Wertschöpfungskette dazu motivieren, dort mitzumachen. Wir stellen aber schon fest bei der nächsten Stufe, die Converter haben nicht mehr die Überzeugung.
Offensichtlich kommt dann ja so ein Stück weit auch Kostendruck schon wieder mit. Und deswegen glauben wir auch, dass diese ganzen Entwicklungen, ich weiß auch von einzelnen Projekten jetzt im Rahmen dieser Interviews, wo eigentlich die Entwicklung schon gelaufen war für eine Umstellung in Richtung Papier und man im letzten Moment sich dann noch dagegen entschieden hat aus Kostengründen. Das ist dann natürlich eine schlechte Botschaft an dieser Stelle, auch an den Markt, weil das spricht sich natürlich auch rum.
Das ist frustrierend. Manche argumentieren ja auch schon, dass die Übergangsfristen einfach zu groß sind bis 2030, dass man schon Dinge früher hätte fordern müssen. Das sagt sich im Nachhinein natürlich immer so einfach, aber ich glaube, mehr miteinander reden ist immer gut. Und was ich auch immer präferieren würde, auch schnell in Versuche reinzukommen und nach den Versuchen dann einzelne Produktlinien umzustellen.
Produktionsumstellung auf Papier: Risiken
Weil wir sind ja momentan in der Situation, dass man das Gefühl hat, jeder testet mal, testet auch in der Produktion, in der Abfüllung und sagt dann erst mal: „Jetzt weiß ich, dass es geht und jetzt lehne ich mich erst mal wieder zurück, weil im Moment haben wir ja Krise.“ Ich verstehe aber auch dann zum Teil die Gegenargumente.
Originalzitat: „Na ja, wenn ich jetzt eine Linie umstelle, eine Produktlinie auf Papier, steht mir nächsten Tag die Deutsche Umwelthilfe vor der Tür und sagt: „Was und warum die anderen nicht auch?““ Also alles, was man dort tut, muss natürlich auch wieder durchdacht sein. So gesehen verstehe ich, das ist ein gewisses Dilemma und mit dem Argument Krise kann ich natürlich auch jede Verzögerung erst mal momentan rechtfertigen. Und es ist ja auch nicht ganz unberechtigt, das muss man ja auch sagen.
Nein, wir sehen auch eine große Vorsicht dann bei diesen Umstellungsmaßnahmen. Aber die Diskussion läuft hier heute Morgen schon sehr gut. Du hast die Grundlage dafür geboten mit deinem ersten Vortrag und dafür noch mal vielen lieben Dank. Ja, danke für die Einladung. Gerne. War ein Vergnügen, bei euch zu sprechen. Super, danke schön. Viel Erfolg. Okay, stark.
