Eine Audio‑Reportage und ihre wichtigsten Erkenntnisse.
Das INNO‑Meeting 2026 in Osnabrück bot auch in diesem Jahr wieder tiefe Einblicke in Technik, Regulierung und den realen Stand der Nachhaltigkeit in der flexiblen Verpackung. Neu war jedoch die Perspektive: Erstmals wurde das Event intensiv mit Audio‑Schnipseln, Gesprächen und Stimmen aus der Branche begleitet. Entstanden ist ein akustischer Einblick in eine Industrie, die technologische Möglichkeiten kennt – aber regulatorisch zunehmend im Nebel steht.
Nachhaltigkeit als Hygienefaktor – aber ohne klare Richtung
Schon zu Beginn macht Valeska Haux klar:
Wenn alle nachhaltig sind, ist eigentlich keiner mehr nachhaltig. Nachhaltigkeit ist 2030 keine Strategie mehr, sondern eine Eintrittskarte in den Markt.
Ein zentrales Problem: Die Branche will nachhaltig sein, doch die PPWR liefert bislang keine eindeutigen Leitplanken, nach denen sich Verpackungen zuverlässig entwickeln lassen. Die Stimmung schwankt zwischen ehrlichem Engagement und zunehmender Frustration.
Materialeffizienz statt Materialwechsel
Spannende Einblicke liefert das Unternehmen One . Five, das KI‑basiert Verpackungen entwickelt. Ein Beispiel zeigt deutlich, wie viel Potenzial in präziseren Annahmen steckt:
Ein Molkereiprodukt galt als extrem barrierekritisch. Doch nach genauer Analyse stellte sich heraus:
Nicht eine Wasserdampfbarriere von 2, sondern 7 g/m²/Tag waren ausreichend.
Das öffnet plötzlich die Tür zu viel mehr Materialien.
Lehre daraus:
Viele Hürden entstehen nicht durch fehlende Materialien – sondern durch ungenau definierte Anforderungen.
Rezyklate in Lebensmittelverpackungen – Chancen und Grenzen
Das IKV Aachen demonstriert, wie sich mechanische Rezyklate in Lebensmittelkontaktmaterialien integrieren lassen. Die Herausforderung:
Rezyklate zeigen Strukturen, Einschlüsse und Fehlstellen im Mikroskop, die für Beschichtungsprozesse kritisch werden können.
Doch eine SiOx‑Beschichtung kann signifikante Migrationshemmung ermöglichen.
Für Verbraucher bleibt jedoch:
Rezyklat = Plastik.
Papier bleibt emotional immer „richtig“ – selbst wenn es physikalisch nicht immer sinnvoll ist.
Papier – Gefühl schlägt Physik?
Achim Gräfenstein von Constantia zeigt, wie technische Papierlösungen heute machbar sind – aber auch wie teuer sie werden können.
Ein Beispiel:
Ein 40 Micrometer BOPP‑Struktur lässt sich nur durch rund 80 g Papier ersetzen.
Die Bemühungen, Verpackungsabfall zu reduzieren, geraten so schnell in Widerspruch zur Realität.
Auch im Markt scheint sich der Papier‑Hype abzukühlen. Zwischen Symbolik und logischer Materialwahl liegt oft ein tiefer Graben.
Design for Recycling: Besser gestaltete Verpackungen statt Materialkämpfe
Ein wiederkehrendes Thema: Einfärbungen, Zwischenlagendruck, schlechte Trennbarkeit.
Das Fazit:
Weniger Farbe, weniger verdeckter Druck, mehr Frontaldruck und bessere Sortierbarkeit sind entscheidend.
Die „grauen Regranulate“ entstehen meist nicht durch mangelnde Technik, sondern durch schlechtes Design.
Produktschutz bleibt der größte Nachhaltigkeitshebel
Alina Seipler (SPI) erinnert an einen oft vergessenen Fakt:
Der größte CO₂‑Footprint steckt nicht in der Verpackung, sondern im Produkt.
Verpackungen, die Haltbarkeit verlängern, vermeiden Lebensmittelabfälle – und deren ökologische Wirkung ist 5–10‑mal höher als die der Verpackung selbst.
Verdorbene Lebensmittel sind schlechter als jede Folie.
Neue Produkte – neue Anforderungen
Pflanzenbasierte Fleischalternativen verlangen andere Barrieren als tierische Wurstwaren. Erste Untersuchungen zeigen:
Diese Produkte sind weniger licht‑ und sauerstoffempfindlich.
Das eröffnet neue Spielräume – und zeigt erneut:
Exakte Produktanforderungen schlagen pauschale Materialvorgaben.
Regulierung als größter Unsicherheitsfaktor
Benedikt Kauertz vom ifeu zeigt eindrucksvoll, wie falsch berechnet manche politischen Maßnahmen sind.
Ein vollständiger Ersatz bestimmter Einwegverpackungen für Palettenware durch Merhweg-Syteme würde 31,7 Mio. Tonnen zusätzliches CO₂ bedeuten –
entspricht 26,4 Mio. PKW jährlich oder der gesamten Waldfläche Baden‑Württembergs plus Bayern.
Sein Fazit:
Was gut klingt, ist nicht automatisch gut gemacht.
PPWR: Ein Rahmen voller Lücken
Beim Bierabend zeigt sich zudem:
Viele Fragen bleiben offen, Grenzwerte fehlen, delegierte Rechtsakte sind unklar.
PFAS‑Regulierung wird als unvorbereitet kritisiert:
Es gibt schlicht nicht genug Testkapazitäten, um umzusetzen, was die PPWR verlangt.
Auch Testergebnisse verschiedener Labore weichen teils stark voneinander ab.
2030 wird nicht am Material entschieden – sondern an den Daten
Albin Kälin (EPEA Switzerland, Cradle to Cradle) macht in Osnabrück klar:
Jedes Produkt wird einen digitalen Produktpass bekommen.
Die Datenmengen werden gigantisch – ein Vielfaches dessen, was heute unter REACH existiert.
Am Mikrofon zeigt er auf, wie sich das Spielfeld verändert:
Gesetze sind da.
Unternehmen müssen lernen, diese Komplexität in der Entwicklung beherrschbar zu machen – nicht nur zur Compliance, sondern als Chance zur Differenzierung.
Fazit: FlexPack 2030 braucht weniger Drama – und mehr Daten, Präzision und Pragmatismus
Das INNO‑Meeting 2026 zeigt:
Technik ist selten das Problem.
Die Branche kann viel – wenn man sie lässt.
Herausfordernd bleiben unklare Regulierung, falsche Anreize und emotionale Materialdebatten.
Doch Innovation entsteht dort, wo Anforderungen präziser werden, Barrieren klüger definiert sind und Daten Transparenz schaffen.
2030 wird kein Verzichtsjahr – sondern ein Jahr klügerer Verpackung.
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