Wohin entwickelt sich der Markt? – Patrick Zimmermann im Gespräch
Beim 23. Inno‑Meeting sprach Julian Thielen mit Patrick Zimmermann von FKuR, einem der renommiertesten Anbieter von biobasierten und biologisch abbaubaren Kunststoffen. Nach Jahren, in denen FKuR besonders stark im Biopolymer‑Segment aktiv war, rückt das Unternehmen nun wieder stärker das Thema Rezyklate in den Fokus.
Zimmermann erklärt, warum das nicht nur logisch, sondern strategisch notwendig ist.
Rückkehr zu den Rezyklaten – aus gutem Grund
Vor rund zwei Jahren entschied sich FKuR, neben Biokunststoffen erneut intensiver auf Rezyklate zu setzen. Gründe dafür:
- PPWR‑Druck („Packaging and Packaging Waste Regulation“)
- steigende Anforderungen an den Rezyklateinsatz
- Marktbewegungen zugunsten kreislauffähiger Lösungen
- klare Passung in die eigene Nachhaltigkeitsstrategie
Biobasierte Kunststoffe, bioabbaubare Materialien und hochwertige Rezyklate ergänzen sich – sie konkurrieren nicht.
Wie FKuR Kunden bei Materialentscheidungen berät
Wenn Kunden mit dem Wunsch nach „mehr Nachhaltigkeit“ auf FKuR zukommen, beginnt der Prozess immer mit einer strukturierten Analyse:
- Welche Materialien werden aktuell eingesetzt?
- Welche technischen Anforderungen bestehen?
- Ist biologische Abbaubarkeit überhaupt notwendig?
- Macht biobasiert aus Nachhaltigkeits‑ und Kostensicht Sinn?
- Ist ein Rezyklat geeignet und compliance‑konform?
- Was passiert am Ende des Lebenszyklus? (End of Life)
Zimmermann erklärt:
Nicht jedes Produkt muss kompostierbar sein. Nicht jedes Produkt profitiert von biobasierten Rohstoffen. Und nicht jedes Produkt kann mit Rezyklaten funktionieren.
Entscheidend ist die Anwendung – nicht der Trend.
Drop‑in vs. Non‑Drop‑in: Wo liegt der Unterschied?
Zimmermann erläutert im Interview die zentrale Unterscheidung im Biokunststoffmarkt:
Drop‑in‑Kunststoffe
- z. B. Bio‑PE, Bio‑PP
- biobasiert, aber chemisch identisch zu fossilen Pendants
- 1:1 austauschbar, komplett recyclingfähig
- ideal für PPWR‑Regelungen, da kein Störstoff
Non‑Drop‑in‑Kunststoffe
- z. B. PLA, PLA‑Blends
- ebenfalls biobasiert, aber mit anderen Eigenschaften
- nicht 1:1 ersetzbar
- sehr relevant für kompostierbare Anwendungen
FKuR bietet beide Klassen an – wissend, dass jede Anwendung eine eigene Lösung benötigt.
Warum bioabbaubare Kunststoffe in der PPWR kaum vorkommen
Zimmermann spricht offen über die Enttäuschung, dass biologisch abbaubare Kunststofflösungen in der PPWR kaum berücksichtigt wurden.
Gründe dafür:
- rot verkürzte Rottezeiten in Kompostieranlagen
- große Uneinheitlichkeit der kommunalen Akzeptanz
- Vorbehalte gegenüber Abbaurate und Prozesssicherheit
- fehlende Standardisierung in Europa
Doch es gibt auch Fortschritte:
Neue Materialien mit „OK Compost HOME“ oder „Plus“-Zertifikat bauen deutlich schneller ab und könnten langfristig neue Optionen eröffnen.
Wo biologisch abbaubare Kunststoffe weiterhin Sinn machen
Für Verpackungen ist die PPWR restriktiv – aber außerhalb des Verpackungssektors entstehen neue Nischen:
- Mulchfolien, die im Boden abgebaut werden
- Anwendungen, die naturbedingt nicht eingesammelt werden
- bestimmte agrartechnische Lösungen
- temporäre Produkte mit kontrollierter Abbauabsicht
Zimmermann:
„Man muss dort Bioabbaubarkeit einsetzen, wo sie einen echten Mehrwert bietet.“
Biokunststoff‑Akzeptanz: Warum Länder so unterschiedlich sind
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs: die sehr unterschiedliche Marktakzeptanz weltweit.
- Italien: hohe Verbreitung aufgrund klarer gesetzlicher Vorgaben
- Spanien: deutlicher politischer Wille zur Förderung
- Indien: ganz eigene, stark wachsende Dynamiken
- Deutschland: zurückhaltender Markt durch restriktive Kompostierpolitik
In Deutschland ist das Hauptproblem:
Kommunen entscheiden individuell, ob kompostierbare Bioabfallbeutel zugelassen werden.
Dadurch bleibt der Markt fragmentiert.
Ausblick
Das Thema Biokunststoffe wird die Branche weiter begleiten – auch wenn die PPWR Rezyklaten aktuell den Vorrang gibt.
Zimmermann zeigt:
Nachhaltige Materialstrategien bestehen künftig aus einem intelligenten Mix – biobasiert, recycelt, kompostierbar, jeweils dort, wo es technisch und ökologisch sinnvoll ist.
Transkript
So, bei mir ist jetzt Patrick Zimmermann von FKUR und ja, ein interessanter Vortrag, FKUR die letzten Jahre sehr viel mit Biokunststoffen, jetzt wieder mit Rezyklaten zurück zu alten Wurzeln? Ja, korrekt, ja.
Wir haben in der Tat vor ein paar Jahren, vor zwei Jahren ungefähr gesagt, wir wollen wieder zurück zu den Rezyklaten, weil das natürlich in Europa auch ein Riesenthema jetzt ist, gerade durch die PPWR und wir kommen ja nun mal auch daher und das passt auch in unser Nachhaltigkeitskonzert, bioabbaubare Materialien anzubieten, biobased drop-ins, also GreenPE zum Beispiel und die Rezyklate – das kann man einfach ganz gut miteinander kombinieren und auch anbieten. Wie beratet ihr dann eure Kunden?
Sie kommen an mit einer gewissen Anwendung und sagen, hey, wir müssen auf jeden Fall erstmal nachhaltiger werden, wie wäre ab da der Prozess?
Naja, dann stellt sich halt immer erstmal die Frage, oftmals was setzt man natürlich für ein Material aktuell ein, was ist denn grundsätzlich gefordert, also muss das Produkt zum Beispiel biologisch abbaubar sein oder macht biobasiert mehr Sinn oder ist es vielleicht auch von den Kosten her dann doch eher ein Rezyklat, also dass man auch die Compliance mal abfragt, die technischen Daten, vielleicht auch das End of Life, also wie wird das Produkt denn später mal entsorgt, geht es wieder normal zurück in den Gelben Sack zum Beispiel oder verbleibt es in der Natur und so kann man natürlich dann auswählen, welches Material macht denn vielleicht mehr Sinn als jetzt ein anderes.
Du hast auch so schön unterteilt zwischen Drop-in-Kunststoffen und Non-Drop-in-Kunststoffen, was steckt da genau hinter? Also, es ist einfach nochmal die Unterscheidung zu sagen, ein Drop-in ist quasi ein biobasiertes Polyethylen oder ein biobasiertes Polypropylen, also Materialien, die zwar einen biogenen Rohstoff verwenden als Rohstoffquelle, eben nicht fossil, aber dieselben Eigenschaften aufweisen wie jetzt eben fossiles PE oder PP, die können die also eins zu eins ohne Probleme ersetzen, daher Drop-in.
Und Non-Drop-in bezeichnen dann die Kunststoffe, die auch biobasiert sind, aber nicht direkt bisher existierendes Material eins zu eins ersetzen können, sondern vielleicht auch mit Kompromissen, wie zum Beispiel ein PLA, was eine große Anwendung hat oder PLA-Blends, die wir ja herstellen, dass man sagt natürlich kann ich damit auch ein LDPE ersetzen, aber die Eigenschaften sind nicht immer hundertprozentig so wie man es jetzt eben von einem klassischen Virgin-LDPE kennen würde.
Warst du davon nicht gerade mehr im Trend und was wird mit der PPWR noch mehr in den Trend kommen?
Ja, das ist natürlich eine etwas traurige Geschichte vielleicht, dass die bioabbaubaren Kunststoffe da nicht so in der PPWR wiedergesehen werden, wie wir das uns gewünscht hätten, aber es ist immer ganz klar: Die biobasierten Drop-ins, also Bio-PE, Bio-PP, die können natürlich auch voll in der PPWR integriert werden, weil sie im normalen Recycling auch nicht als Störstoff gelten, sondern ja genauso recycelt werden können wie ein fossiles PE zum Beispiel.
Biologisch abbaubare Kunststoffe in der Natur
Da glauben wir, dass in Europa das sicherlich in der nahen Zukunft einen etwas höheren Stellenwert haben wird als die bioabbaubaren Materialien, für die ich dann eben andere Nischen suchen muss. Welche Nischen wären das? PPWR ist erstmal für Verpackungen, welche Märkte gibt es dann rechts und links? Erstmal alles, was nicht unbedingt Verpackung sein soll, aber man muss natürlich mal gucken, wo hat die biologische Abbaubarkeit einen besonderen Mehrwert für das Produkt?
Und da bin ich natürlich ganz oft bei Produkten, die dann zum Beispiel in der Natur verbleiben und dann eben nicht mehr eingesammelt werden – zum Beispiel klassischerweise auch eine Multifolie, die dann eben untergepflügt wird und dann eben abbaut. Das sind so klassische Anwendungen, wo wir sehen, dass die biologische Abbaubarkeit oder zertifizierte kompostierbare Produkte dann eben auch sinnvoll sind. Wo stehen wir denn in Deutschland bei der Akzeptanz auch von Biokunststoffen?
Ich weiß, dass in Italien da deutlich mehr geht. Wir haben eben gehört, in Indien ist auch nochmal ein ganz anderes Thema. Und woran liegt es, dass es womöglich in einem Land besser funktioniert und in anderen nicht? Ja, wenn wir das alles so ordentlich wüssten, woran das liegt. Aber ich glaube, in Deutschland liegt es oftmals daran, dass wenn wir uns die kompostierbaren Kunststoffe mal anschauen, das ist immerhin – die bauen nicht schnell genug ab in den Kompostierzentren, weil die Rottezeiten sich verkürzt haben.
Auf der anderen Seite haben wir natürlich mittlerweile auch Materialien entwickelt, die ja auch in deutlich kürzeren Zeiten abbaubar sind, die ein Plus-Zertifikat, also wo dann einfach auch das Material deutlich schneller abbaut zum Beispiel. Da gab es aus meiner Sicht immer wieder Vorbehalte, die man auch gar nicht richtig ausräumen konnte, weil ja auch jede Kommune selber entscheiden kann, ob sie nun mal jetzt die Bio-Abfallbeutel in so eine Biotonne zulassen oder nicht.
Und viele haben sich dann auch dagegen entschieden. Das ist schwierig zu beantworten, woran es genau liegt und warum es in manchen Ländern besser funktioniert als in anderen. In Italien gab es natürlich auch die Gesetzesinitiativen, dass diese Produkte ja auch verwendet werden sollten oder auch wie in Spanien und deswegen sind die Märkte dann natürlich deutlich attraktiver und größer als jetzt in Deutschland.
Du sagst schon, du warst vor vielen, vielen Jahren schon mal beim Inno-Meeting, das heißt das Thema Biokunststoffe begleitet die Branche schon eine lange Zeit. Das heißt, wir werden es auch weiter beobachten. Danke, dass du da warst und danke für die Einblicke. Ja super, vielen Dank erstmal für die Einladung und vielen Dank, schön.
