Papier-Hype vs. Folien-Fakten II – Die Recycling-Realität: Wer kriegt den Keks (und wer nur die Krümel)?

Papier-Hype vs. Folien-Fakten 2

Na, willkommen zurück im Flexpack-Dschungel! Letztes Mal haben wir uns beim „Kampfgewicht“ und der CO₂-Party gestritten – ihr wisst schon: die federleichte Mono-Folie vs. das stattliche Barrierepapier,, das die Kekse sicher und bequem verpacken soll.
Heute drehen wir den Spieß um und fragen: Was passiert eigentlich NACH dem Keks? Also genau dann, wenn Verpackungen plötzlich „Kreislauf“ rufen, aber im echten Leben erst mal in der Tonne landen.

Und damit sind wir beim Lieblingsthema aller Verpackungsnerds: Recyclingfähigkeit in Europa – theoretisch vs. praktisch. Ritter Sport hat das ziemlich elegant auf den Punkt gebracht: Nicht nur „theoretische Recycelbarkeit“ zählt, sondern auch die „actual recycling rate“ – also das, was tatsächlich im Kreislauf ankommt.


Recyclingfähig ist keine Material- sondern eine Systemeigenschaft

Recyclingfähigkeit ist nicht nur Material, sondern System – also Sammlung, Sortierung, Recyclingtechnik, Markt für Rezyklat und das kleine Detail namens Mensch, der Dinge in die falsche Tonne wirft, weil er gerade telefoniert. Ritter Sport sagt selbst: PP ist zwar voll recyclingfähig, landet aber oft im Restmüll und wird dann „de facto“ nicht recycelt.

Design for Recycling ist Pflicht – aber ohne Design for Collection & Sortability bleibt’s ein PowerPoint-Kreislauf.

Genau hier setzt auch CEFLEX an: Die „Designing for a Circular Economy“-Guidelines sind ein (sehr) praktischer Werkzeugkasten dafür, dass flexible Verpackungen gesammelt, sortiert und recycelt werden können – nicht nur „auf dem Papier“.


Papier in Europa: Der Recycling-Überflieger (mit Rückenwind)

Wenn Papier ein Kandidat bei „Germany’s Next Top-Recyclingstoff“ wäre, hätte es schon längst den Vertrag unterschrieben. Europa liefert hier beeindruckende Zahlen:

  • Der European Paper Recycling Council (EPRC) meldet für 2024 eine Recyclingquote von 75,1 % für Papier und Karton insgesamt.
  • Für Papierverpackungen wird sogar eine Quote von 83,1 % genannt – das ist schon ziemlich nah an „läuft bei uns“. [interzero.de],

Warum ist Papier so stark? Weil Europa dafür seit Jahrzehnten ein stabiles System aufgebaut hat: getrennte Sammlung, klare Akzeptanz, etablierte Sortierung und ein großer Markt für Sekundärfasern. Das ist kein Zufall, das ist Infrastruktur. Eine recycelte Faser ist günstiger als eine Frischfaser. Es gibt also einen Grund für „Rezyklat”-Einsatz“

Aber: Papier gewinnt nur dann, wenn es auch papier-kompatibel bleibt. Sobald wir bei Barrierepapier über Beschichtungen sprechen, wird’s „prüfpflichtig“. Interzero beschreibt das beim Ritter-Sport-Projekt sehr treffend: Es braucht ein Spezialpapier mit Beschichtung, das gleichzeitig im Altpapierstrom recyclingfähig sein muss.

Und Ritter Sport selbst sagt: Papier ist in vielen Sorten noch nicht universell nutzbar – z. B. wegen Feuchte/Salz (Kondensation) oder scharfkantiger Bestandteile (Barriere leidet). [mobiflip.de],

Papier ist in Europas Sammelsystemen flächendeckend etabliert
Barrierepapier muss aber beweisen, dass es im Altpapierprozess nicht zur „faserbasierten Sackgasse“ wird.


PP / Kunststoff in Europa: Technisch gut – aber die Realität ist kompliziert

Kunststoffrecycling in Europa ist nicht „schlecht“, aber definitiv „nicht so einfach wie Papierrecycling“. EU-Daten zeigen: Die EU recycelt zwar einen relevanten Anteil, aber es bleibt Luft nach oben – zudem gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern.

  • Eine EU-Parlamentsaufbereitung berichtet, dass 2022 in der EU rund 40,7 % der Kunststoffabfälle recycelt wurden.
  • Eurostat-basierte Berichterstattung nennt für 2023 eine durchschnittliche Recyclingquote für Kunststoffverpackungen in der EU um 42 % (mit deutlichen Unterschieden zwischen Mitgliedstaaten).

Und jetzt kommt der Flexpack-spezifische Twist: Diese Zahlen beinhalten nicht automatisch „Folien laufen top“. Gerade flexible Kunststoffverpackungen sind systemisch anspruchsvoller (leicht, flach, manchmal im NIR-schwierig zu erkennen, oft verschmutzt). Deshalb betont CEFLEX so stark die Themen Sortierbarkeit und recyclinggerechtes Design.

„Ja, aber PP ist doch Monomaterial!“ – stimmt. Und trotzdem:

Ritter Sport setzt seit 1991 auf PP-Folie, weil sie leicht ist, gut verarbeitbar ist und schützt – und zudem „fully recyclable“.
Aber genau diese PP-Folie landet oft im Restmüll oder noch schlimmer in der Natur – und ist damit de facto nicht im Kreislauf. Die Verpackung ist außerdem so klein, dass sie beim Sortieren oft durchrutscht.

Das ist der Punkt, an dem wir als Branche ehrlich sein müssen:

Eine perfekte Monofolie hilft wenig, wenn sie nicht im passenden Sammelstrom ankommt. Und das ist leider bei vielen, kleinen Packungen aus dm Gelben Sack (noch) der Fall.


Recycling braucht nicht nur Technik, sondern auch Wirtschaft

Und jetzt wird’s kurz ernst : Selbst wenn Sammlung und Design stimmen, muss Recycling wirtschaftlich funktionieren. Plastics Recyclers Europe beschreibt für 2024/2025 eine Krise in der europäischen Recyclingindustrie, inklusive sinkender Auslastung und Schließungen; dabei werden u. a. Polyolefin-Filme als besonders betroffen genannt. Das könnte daran liegen, dass sie so dünn, komplex aufgebaut und schwierig zu handhaben sind.

Das heißt: Kreislauffähigkeit ist auch eine Frage von Kapazität, Absatz und fairen Märkten. Wenn Rezyklat nicht abgenommen wird oder Anlagen schließen, wird aus „Circular“ schnell wieder „Linear“.

Papier hat hier (noch) den Vorteil eines stabileren Marktes – die Sekundärfaser ist ein etabliertes und begehrtes Handelsgut.


Und was heißt das jetzt für „Wer kriegt den Keks?“ (Recycling-Edition)

Wenn du maximal und wirklich real recyceln willst:

  • Papier (und Pappe/Karton) sind aktuell oft die „sichere Bank“, weil das System in Europa stark ist und Recyclingraten hoch sind.
  • Aber: Bei Barrierepapieren unbedingt prüfen, ob die Lösung wirklich Altpapierstrom-tauglich bleibt

Wenn du Flexpack-Funktion brauchst (Barriere, Siegel, Produktschutz):

  • Monomaterial-Folie (PP oder PE) ist technisch eine sehr gute Basis für Recycling – genau deshalb gibt es CEFLEX-Guidelines, die auf polyolefinbasierte Flexpacks zielen.
  • Aber: Ohne Sammlung/Sensibilisierung/geeignete Infrastruktur bleibt das Ganze im „theoretisch recyclebar“-Modus.

Papier gewinnt oft im heutigen EU-System. Folie gewinnt oft in Funktion & Materialeffizienz. Der Sieger heißt: „Design + System + Markt“ – nicht „Team Papier“ oder „Team Folie“.


So wird aus „Recycling-Wunsch“ echte Recyclingfähigkeit

Für PP oder PE-Flexpack (Mono):

  1. CEFLEX-konform designen (Sortierbarkeit, Materialkompatibilität, Additive/Barriereschichten sauber im Griff).
  2. Sortier-/Recyclingtests durchführen und dokumentieren. Daraus lässt sich dann schnell auch die geforderte PPWR-Konformitätserklärung ableiten.
  3. Die Kommunikation und die Entsorgungshinweise sollten so gestaltet werden, dass die Verpackung nicht im Restmüll oder in der Umwelt landet. Besteht diese Gefahr, sollte lieber auf Bio-Plastik oder Papier umgestiegen werden (z.B. für Festivals, Länder ohne Sammelsysteme etc.)

Für Barrierepapier:

  1. Die Beschichtung sollte so gewählt werden, dass eine Repulpierbarkeit/Altpapierverträglichkeit gewährleistet ist und alle Rückstände, die in der Faser verbleiben können, unbedenklich sind.
  2. Produktsortiment prüfen: Feuchte, Fette, scharfkantige Bestandteile – das können Verursacher von Barriereversagen und Verderb sein.

Schlusswort: Der Keks gehört dem, der den Kreislauf wirklich schließt

Wer heute behauptet „Unsere Verpackung ist recyclingfähig“ sollte immer den Zusatz denken:
„…in welchem System, in welchem Land, mit welcher Sammelquote und mit welchem Recyclingpfad?“ Viele formulieren das sehr klar über den Unterschied zwischen theoretischer Recycelbarkeit und realer Recyclingquote.

Und damit wird deutlich:

Der Keks geht nicht automatisch an Papier oder Folie – sondern an die Lösung, die im europäischen Alltag am zuverlässigsten gesammelt, sortiert, verwertet und als Rezyklat/ Sekundärfaser wieder eingesetzt wird.

Ist es nicht sinnvoller, ein Material mit einer schlechteren CO₂- und Wasserbilanz zu wählen, das aber im Kreislauf landet, als ein Material, das zwar theoretisch eine gute Lebenszyklus-Analyse aufweist, praktisch aber meistens auf der Deponie, in der Verbrennung oder noch schlimmer in der Natur landet? Diese Frage wird uns sicherlich noch bis über das Jahr 2030 hinaus begleiten.

Siehe auch:

Quellen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.