Europa will mehr Recycling. Die PPWR bringt verbindliche Rezyklateinsatzquoten, Design for Recycling wird zum Standard und kaum eine Nachhaltigkeitsstrategie kommt noch ohne Kreislaufwirtschaft aus.
Eigentlich müsste die Stimmung in der Recyclingbranche also hervorragend sein.
Sie ist es nicht.
Beim Altkunststofftag des BVSE in Bad Neuenahr wurde vielmehr eines deutlich: Während Politik und Industrie ambitionierte Ziele formulieren, kämpfen viele Kunststoffrecycler aktuell ums wirtschaftliche Überleben.
Im Gespräch mit Anna Roeb, Referentin des Fachverbands Kunststoffrecycling im BVSE, wurde schnell klar: Das eigentliche Problem ist längst nicht mehr der Wille zum Recycling. Es sind die Rahmenbedingungen.

Die Kreislaufwirtschaft braucht mehr als gute Absichten
Der BVSE vertritt überwiegend kleine und mittelständische Recyclingunternehmen. Genau diese Unternehmen sollen künftig die Rohstoffe liefern, mit denen die europäische Verpackungsindustrie ihre gesetzlichen Rezyklateisatzquoten erfüllen soll.
Doch genau diese Unternehmen geraten immer stärker unter Druck.
Billige Primärkunststoffe und Rezyklate aus Drittstaaten drücken die Preise. Gleichzeitig wächst der bürokratische Aufwand kontinuierlich. Genehmigungen dauern lange, Investitionen werden erschwert und viele Unternehmen verlieren zunehmend Planungssicherheit.
Für Anna Roeb ist das eine gefährliche Entwicklung.
Denn Recyclingkapazitäten lassen sich nicht einfach wieder einschalten, wenn sie einmal verschwunden sind.
„Kapazitäten baut man nicht von heute auf morgen wieder auf.“
Während Europa über zukünftige Quoten diskutiert, könnten genau die Unternehmen verschwinden, die diese Quoten später erfüllen sollen.
Deutschland droht seinen Vorsprung zu verlieren
Deutschland galt lange als Vorreiter beim Kunststoffrecycling.
Heute investieren andere Regionen deutlich aggressiver.
Insbesondere China baut seine Recyclingindustrie massiv aus und bringt immer mehr Rezyklate auf den Weltmarkt. Gleichzeitig geraten europäische Recycler immer stärker unter Kostendruck.
Für den BVSE stellt sich deshalb eine einfache Frage:
Warum schützen wir eine Schlüsselindustrie der Kreislaufwirtschaft nicht stärker?
Schließlich geht es dabei längst nicht nur um Umweltpolitik, sondern auch um Versorgungssicherheit, regionale Wertschöpfung und resiliente Lieferketten.
Flexible Verpackungen stehen vor einer besonderen Herausforderung
Für Hersteller flexibler Verpackungen ist die Situation zusätzlich kompliziert.
Mechanisch recycelte Polyolefine sind für viele Lebensmittelanwendungen heute noch nicht verfügbar. Gleichzeitig verlangen Markenartikler möglichst transparente und optisch makellose Folien.
Genau hier beginnt jedoch das Problem.
Großflächige Bedruckungen, Farben und Additive erschweren das mechanische Recycling erheblich. Während des Recyclingprozesses entstehen Verfärbungen oder kleine Einschlüsse, die sich später im Rezyklat bemerkbar machen.
Für Anna Roeb ist deshalb klar:
Der wichtigste Hebel liegt bereits am Anfang der Wertschöpfungskette.
Nicht beim Recycler.
Sondern beim Verpackungsdesign.
Design for Recycling entscheidet heute darüber, welche Rohstoffe morgen überhaupt wieder genutzt werden können.
Chemisches Recycling bleibt Hoffnungsträger
Viele Unternehmen setzen deshalb große Erwartungen in das chemische Recycling.
Tatsächlich könnte es künftig dort helfen, wo mechanisches Recycling heute an seine Grenzen stößt – insbesondere bei Lebensmittelverpackungen aus Polyolefinen.
Doch noch fehlen zugelassene Verfahren und vor allem industrielle Mengen.
Die Technologie entwickelt sich zwar schnell.
Der Markt ist jedoch noch nicht so weit, dass sie kurzfristig die Versorgung übernehmen könnte.
Credits statt Stillstand?
Ein spannender Diskussionspunkt auf dem Altkunststofftag waren sogenannte Rezyklat-Credits.
Die Idee dahinter:
Unternehmen, die bereits heute mehr Rezyklat einsetzen als vorgeschrieben, könnten diese Leistung teilweise an Unternehmen übertragen, die technisch noch keine geeigneten Rezyklate einsetzen können.
Für den BVSE wäre ein solches System allerdings nur unter einer Bedingung sinnvoll:
Die Materialströme müssen stoffgleich bleiben.
Ein LDPE-Hersteller sollte also nicht einfach PP-Credits erwerben können.
Nur dann bleibt der ökologische Nutzen erhalten und es entsteht kein reiner Zertifikatehandel ohne tatsächliche Kreislaufwirkung.
Warum jetzt gehandelt werden muss
Besonders interessant fand ich den Gedanken der sogenannten Ansparphase.
Unternehmen könnten sich bereits heute eingesetzte Rezyklatmengen später auf die gesetzlichen PPWR-Quoten anrechnen lassen.
Das würde endlich einen wirtschaftlichen Anreiz schaffen, nicht bis 2030 zu warten, sondern schon jetzt Lieferketten aufzubauen und Recyclingkapazitäten auszulasten.
Denn eines scheint sicher:
Sobald die PPWR vollständig greift, wird die Nachfrage nach hochwertigen Rezyklaten deutlich steigen.
Die entscheidende Frage lautet nur:
Wer produziert diese Mengen dann überhaupt noch?
Eco-Modulation: Europa zeigt, dass es funktioniert
Auch bei den Lizenzgebühren für Verpackungen sieht der BVSE dringenden Handlungsbedarf.
Schweden und Frankreich zeigen bereits seit Jahren, dass Eco-Modulation funktioniert.
Wer recyclingfähige Verpackungen entwickelt oder Rezyklate einsetzt, zahlt geringere Gebühren.
Deutschland diskutiert dieses Instrument dagegen seit Jahren.
Die gesetzliche Grundlage existiert.
Die konsequente Umsetzung lässt weiter auf sich warten.
Mein Eindruck
Nach diesem Gespräch nehme ich vor allem eines mit:
Wir sprechen in der Verpackungsbranche sehr häufig über Recyclingfähigkeit.
Vielleicht sprechen wir künftig genauso intensiv über diejenigen, die das Recycling überhaupt möglich machen.
Denn ohne wirtschaftlich gesunde Recycler bleiben Design for Recycling, Rezyklateinsatzquoten und Kreislaufwirtschaft am Ende politische Ziele auf dem Papier.
Die Infrastruktur dafür entsteht nicht 2030.
Sie entscheidet sich genau jetzt.
