Von funktionellen Papierverpackungen über neue Erzeugerrollen bis zur Konformitätserklärung – drei Entwicklungen, die Hersteller flexibler Verpackungen jetzt kennen müssen.
Die Verpackungsbranche diskutiert seit Jahren über dieselben Fragen.
Wie hoch werden die Rezyklatquoten? Welche Monomaterialien setzen sich durch? Welche Barrieren bleiben notwendig? Und wie gelingt Design for Recycling?
Auf der Future Resources 2026 in Köln hatte ich jedoch zunehmend den Eindruck, dass diese Diskussion bereits einen Schritt weiter ist.
Nicht, weil Recycling plötzlich an Bedeutung verliert.
Sondern weil sich die eigentliche Herausforderung verschiebt.
Während viele Unternehmen noch daran arbeiten, ihre Verpackungen PPWR-konform zu gestalten, beschäftigen sich Politik, Behörden und internationale Organisationen längst mit der nächsten Frage:
Wie muss das gesamte Verpackungssystem künftig funktionieren?
Drei Vorträge haben diese Entwicklung besonders deutlich gemacht.
Die Ellen MacArthur Foundation denkt längst in ganzen Systemen
Wer wissen möchte, wohin sich Verpackungsmärkte entwickeln, kommt an der Ellen MacArthur Foundation kaum vorbei.
Mehr als 1.200 Organisationen, die zusammen rund 20 Prozent des weltweiten Verpackungsmarktes repräsentieren, arbeiten inzwischen im Netzwerk der Foundation an der Transformation zur Kreislaufwirtschaft.
Spannend war dabei weniger die Größe des Netzwerks als die strategische Ausrichtung.
Die Foundation benennt für die kommenden Jahre drei zentrale Handlungsfelder:
- Reuse
- Flexible Verpackungen
- Recyclinginfrastruktur
Diese drei Bereiche werden als systemische Barrieren bezeichnet – also Herausforderungen, die kein Unternehmen allein lösen kann.
Gerade für Hersteller flexibler Verpackungen lohnt sich deshalb ein genauer Blick.
Denn die Roadmap der Foundation überrascht.
Statt neue Kunststofflösungen in den Mittelpunkt zu stellen, lautet das erklärte Ziel:
„Beschleunigen wir die Entwicklung nachhaltiger Lösungen innerhalb der Flexiblen Verpackung“
Der Fokus liegt aktuell klar auf funktionellen papierbasierten Alternativen.
Dabei geht es nicht um einzelne Pilotprojekte.
Die Foundation kündigt ein mehrjähriges Programm an, das gemeinsam mit Industriepartnern papierbasierte Lösungen schneller entwickeln und skalieren soll. Dazu gehören gemeinsame Forschung, politische Interessenvertretung, Kostenanalysen und der Aufbau internationaler Kooperationen.
Für mich bedeutet das nicht, dass Kunststoff verschwindet.
Aber es zeigt sehr deutlich, wohin sich internationale Innovationsbudgets, politische Aufmerksamkeit und große Marken derzeit orientieren.
Wer flexible Verpackungen entwickelt, sollte diese Entwicklung aufmerksam beobachten.

Die vielleicht wichtigste PPWR-Frage lautet: Wer ist eigentlich Erzeuger?
Während die Ellen MacArthur Foundation den Blick in die Zukunft richtete, brachte die Kanzlei Cattwyk die Diskussion zurück in den Unternehmensalltag.
Denn mit der PPWR entsteht erstmals ein europaweit einheitlicher Erzeugerbegriff.
Was zunächst wie ein juristisches Detail klingt, dürfte in vielen Unternehmen erhebliche Auswirkungen haben.
Der Erzeuger ist künftig nicht nur irgendein Beteiligter der Lieferkette.
Er trägt Verantwortung.
Er erklärt die Konformität.
Er stellt die technische Dokumentation bereit.
Und er wird zum zentralen Ansprechpartner gegenüber den Marktüberwachungsbehörden.
Gerade bei Handelsmarken, Co-Packern oder komplexen Entwicklungsprojekten wird damit eine Frage plötzlich geschäftskritisch:
Wer übernimmt diese Rolle überhaupt?
Die Antwort lautet eben nicht automatisch:
Der Verpackungshersteller.
Je nach Lieferkette können auch Markeninhaber oder Unternehmen, die wesentliche Verpackungsspezifikationen vorgeben, in diese Verantwortung geraten. Genau deshalb dürfte der Vortrag viele Zuhörer nachdenklich gemacht haben.
Denn die PPWR verändert nicht nur technische Anforderungen.
Sie verändert Verantwortlichkeiten.

Die Verpackung allein reicht künftig nicht mehr
Fast alle Diskussionen rund um die PPWR drehen sich um Materialien.
Die Zentrale Stelle Verpackungsregister (ZSVR) setzte einen anderen Schwerpunkt.
Sie sprach über Daten.
Über Nachweise.
Und über Dokumentation.
Damit rückte ein Thema in den Mittelpunkt, das in vielen Unternehmen bisher noch erstaunlich wenig Aufmerksamkeit erhält: die Konformitätserklärung.
Sie wird künftig weit mehr sein als ein formales Dokument.
Sie ist der Nachweis dafür, dass eine Verpackung sämtliche Anforderungen der PPWR erfüllt.
Grundlage dafür ist die technische Dokumentation nach Anhang VII der Verordnung. Darin werden unter anderem Materialzusammensetzung, Recyclingfähigkeit, Rezyklatanteile und weitere regulatorische Anforderungen dokumentiert.
Die Konsequenz ist weitreichend.
Nicht nur die Verpackung selbst muss künftig den Anforderungen entsprechen.
Auch sämtliche Informationen darüber müssen jederzeit nachvollziehbar und belastbar verfügbar sein.
Für viele Unternehmen bedeutet das einen Paradigmenwechsel.
Bisher standen Materialentwicklung und Produktauslegung im Mittelpunkt.
Künftig werden Datenmanagement, Dokumentation und Compliance zu einem gleichwertigen Bestandteil der Verpackungsentwicklung.

Die eigentliche Transformation findet hinter der Verpackung statt
Nach einem Tag auf der Future Resources blieb bei mir deshalb vor allem ein Gedanke hängen.
Wir diskutieren in der Verpackungsbranche noch immer sehr intensiv über Materialien.
Über PE.
Über Papier.
Über Monomaterialien.
Über Barrieren.
All das bleibt wichtig.
Doch die eigentliche Transformation findet inzwischen an anderer Stelle statt.
Sie findet in Verantwortlichkeiten statt.
In regulatorischen Anforderungen.
In Datenstrukturen.
In internationalen Innovationsprogrammen.
Und in der Frage, wie Verpackungen künftig überhaupt nachweisen, dass sie den gesetzlichen Anforderungen entsprechen.
Genau darin liegt aus meiner Sicht die wichtigste Erkenntnis dieser Veranstaltung.
Die PPWR ist längst keine reine Materialverordnung mehr.
Sie entwickelt sich zu einem Regelwerk, das die gesamte Wertschöpfungskette verändert – von der Entwicklung neuer Verpackungskonzepte über die Rollenverteilung zwischen den Beteiligten bis hin zur technischen Dokumentation.
Für Hersteller flexibler Verpackungen bedeutet das vor allem eines:
Die Verpackung der Zukunft muss nicht nur funktionieren.
Sie muss auch regulatorisch belastbar sein.
Und genau darin dürfte die größte Herausforderung der kommenden Jahre liegen.

