Prof. Markus Schmid über Bioökonomie und Flexpack

Markus Schmid schildert nicht nur seinen Werdegang vom Metzgermeister zum Professor, sondern stellt auch ein neues Institut an der Hochschule Albstadt-Sigmaringen sowie die Forschungsfabrik auf dem Innovations Campus in Sigmaringen vor. In der für über 15 Millionen Euro errichteten Forschungsfabrik wird unter anderem rund um das Thema nachhaltigere Verpackungskonzepte geforscht und entwickelt. Das Sustainable Packaging Institute (SPI) befindet sich dort noch im Aufbau und bearbeitet derzeit 15 öffentlich geförderte Forschungsprojekte.

Dabei wird die gesamte Wertschöpfungskette vom Rohstoff bis zum verpackten Produkt betrachtet.

Ob Biopolymere, Papier oder petrochemisch hergestellte Polymere für Folien – Prof. Schmid möchte eine neutrale und unvoreingenommene Forschung und Lehre rund um verpackte Lebensmittel, Kosmetika und Pharmaprodukte etablieren. Der Fokus liegt dabei auf einer nachhaltigeren, kreislauforientierten Bioökonomie.

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Folienwissen Spezial, der Innoform-Podcast zum Inno-Talk. Herzlich willkommen zur neuen Episode des Inno-Talk-Podcasts. Mein Name ist Karsten Schröder und dies ist eine Initiative für alle, die Flexpack fasziniert und sich durch Gespräche mit namhaften Branchen-Teilnehmern inspirieren lassen möchten. Los geht’s!

15 Millionen Euro stecken schon in der neuen Forschungsfabrik in Sigmaringen. Prof. Markus Schmid baut diese mit auf und es entsteht dort das Sustainable Packaging Institute. Er verrät uns, warum die Bioökonomie zum nachhaltigen Wirtschaften dazugehören wird und warum Biopolymere ihren Weg in die Verpackungsanwendung noch finden werden.

Wir sprechen über Paparisierung, die 15 Forschungsprojekte am SPI und natürlich, wie er vom Metzgermeister zum Professor wurde. Freuen Sie sich auf die Episode mit Prof. Markus Schmid. Herzlich willkommen, Markus Schmid, aus Sigmaringen zugeschaltet.

Hallo Karsten, schön, hier zu sein. Du bist gelernter Schlachter, Metzger, sagt man bei euch, und jetzt bist du Professor. Wie geht das zusammen? Erzähl uns das mal.

Ja, klar hört sich erstmal ein bisschen komisch an, wie kommt jetzt ein Metzger zu einer Professur nach Sigmaringen. Aber wenn man so meine beruflichen Lebensstationen durchgeht, ist das gar nicht so abwegig. Meine Eltern hatten einen Fleischereibetrieb, also eine Metzgerei, und ich habe mich damals als junger Mann eben mit 16, 17 Jahren entschieden, eine Fleischerlehre zu machen und dann in den elterlichen Betrieb einzusteigen. Was ich dann auch gemacht habe, Fleischer gelernt, Fachrichtung Schlachten, habe dann auch in verschiedenen Betrieben gearbeitet, Meisterprüfung gemacht und dann einfach nach ein paar Jahren festgestellt, das füllt mich noch nicht ganz aus und habe gedacht, was kann ich denn jetzt machen und habe mir dann für ein Lebensmittel-Technologie-Studium entschieden.

Also ich komme, wenn es um Verpackung geht, eher von der Packu-Seite her, wenn man so will, und habe dann Lebensmittel-Technologie und Lebensmittelverfahrenstechnik studiert und habe da ein bisschen Blut geleckt, wenn es um das Thema Verpackungen ging. Das war gerade zu meiner Zeit bei Unilever, damals Schafft in Ansbach, gehört jetzt zu Jack Linkz, und habe eine Diplomarbeit geschrieben und habe gesehen, wenn man da so eine hochwertige Fleischware, Wurstware erstellt, da ging es um die Beefies, kennst du bestimmt, die es überall zu kaufen gibt, und da habe ich mich dann mal so ein bisschen mit mehreren Projekten um die Beefie, um diese Minisalami gekümmert und dabei immer auch festgestellt, dass ohne Verpackung da ja eigentlich gar nichts geht. Also so eine Beefie wäre quasi nicht am Markt, wenn es da nicht so eine hochwertige Verpackung und auch den Verpackungsprozess gäbe, und habe dann da wirklich Interesse auf dem Themengebiet entwickelt und habe gedacht, komm, da möchte ich mich weiter damit beschäftigen. Habe dann am Lehrstuhl für Lebensmittelverpackungstechnik an der TU München promoviert, war am Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung – da ist sie wieder, die Verpackung – knapp zehn Jahre lang tätig in der Abteilung Materialentwicklung. Habe ich mich mit dem Thema Biopolymere in Papier- und Folienanwendungen beschäftigt und da hat man da eine gewisse Expertise aufgebaut und irgendwann dann gesagt, ja, das Thema Unterrichten, Lehre, ja, auch das Referieren macht mir ja Spaß, du kennst mich ja schon seit vielen Jahren von Veranstaltungen, dann wäre ein Beruf, wo kann man das am besten kombinieren? Die Forschung, das Entwickeln, ja, an neuen nachhaltigen Materialien arbeiten und trotzdem auch das ein bisschen weitergeben, und dann ist die Wahl eben auf den Beruf Professor gefallen. Habe mich da beworben in Sigmaringen und habe dann auch die Professur bekommen.

Also so ganz kurz der Weg. Das war ein toller Ausflug, eine schöne Beschreibung deiner Vita eigentlich. Wir kennen uns eigentlich hauptsächlich seit der Fraunhofer-Zeit, ist auch schon eine ganze Weile her. Seitdem machst du auch für uns natürlich immer wieder Vorträge und vor allem auch Seminare und Webseminare, auch hybrid aus Sigmaringen. Wir wollen auch als Innoform ja ein bisschen in Sigmaringen so eine kleine Außenstelle für unsere Branchenseminare machen.

Da sind wir gerade im Aufbau. Das freut mich, dass das so langsam anläuft. Jetzt nach der Pandemie, das darf man ja jetzt sagen. Bevor wir jetzt aber ins Thema einsteigen, Markus, mache ich immer noch so ein bisschen so Blitzfragen – entscheidest du dich einfach immer für einen Begriff, damit wir dich so ein bisschen in Schubladen einsortieren können.

Biopolymer oder Papier: Kombinationslösungen bevorzugt

Wir Menschen sind ja nun mal so. YouTube oder TikTok? TikTok. Universe oder Metaverse? Universe. Tankst du lieber Super Plus oder E10?

Super Plus, weil mein Auto das nur verträgt. Sehr schön. Biopolymer oder Papier? Gern die Kombination daraus.

Sehr schön. Diplomatisch geantwortet. Und jetzt habe ich noch drei Begriffe, auf die du vielleicht mit einem langen Satz antworten darfst. Und das sind so Buzzwords bei uns, auch aus der Industrie und auch aus der Gesellschaft.

Und da interessiert mich eigentlich auch so ein bisschen deine Meinung. Und der erste Begriff ist Paparisierung. Ja, wo es Sinn macht und die Funktionalität weiterhin erfüllt, bleibt absolut in Ordnung.

Paparisierung ist ja so das Buzzword dafür, dass man alles jetzt in Papier verpacken will. Was geht? Und ja, ich sehe das genauso. Biopolymere?

Momentan noch nicht sehr stark am Verpackungsmarkt vertreten, werden aber in Zukunft sicherlich eine Rolle spielen im Bereich nachhaltiger, kreislauffähiger Kunststoffverpackungen. Genau, darauf kommen wir ja gleich noch, die Bioökonomie. Und als drittes und letztes Zero Waste. Klar, Abfall vermeiden ist eine tolle Sache und immer ein Thema, an dem wir dran bleiben müssen.

Jetzt haben wir schon ein paarmal über Sigmaringen gesprochen. Du bist da an einem neuen Lehrstuhl. Erzähl mal ein bisschen. Ihr habt neu gebaut, ist alles vom Feinsten.

Worauf konzentriert ihr euch und wie ist das eigentlich alles entstanden? Also in Sigmaringen haben wir die Forschungsfabrik auf dem Innovations Campus in Sigmaringen. Das ist ein Projekt gewesen, was in Summe 18 Millionen Euro sogar investiert hatte. Das Ganze lief schon, bevor ich mich überhaupt in Sigmaringen beworben hatte und letztendlich, als ich mich beworben hatte, ist es sogar eine Aufgabe, da ein Forschungskonzept vorzustellen, wie man denn diese Forschungsfabrik bespielen kann, mit Themen, die aktuell sind, die der regionalen und überregionalen Wirtschaft helfen.

Sustainable Packaging Institute etabliert

Wir haben dort in der Forschungsfabrik ganz tolle Möglichkeiten. Das ist auf der ehemaligen Kasernengelände in Sigmaringen. Da wurde ein Objekt komplett runderneuert, haben da 1600 Quadratmeter, sind es in Summe Forschungsfläche. Und einen Teil davon darf ich mit meinem Team vom Sustainable Packaging Institute bespielen.

Das Sustainable Packaging Institute wurde von der Hochschule, vom Senator Hochschule, glaube ich im November 2019 war es. Also ist noch gar nicht so lange her gegründet. Und ich darf das seit seiner Gründung leiten. Und wir arbeiten da im Themenfeld nachhaltige Verpackungskonzepte in zahlreichen Forschungsprojekten.

Jetzt ist es natürlich für unsere Zuhörer bestimmt auch interessant, an welchem Punkt seid ihr gerade? Ihr habt jetzt schon Studierende vor Ort. Wie groß sind die Gruppen? Macht ihr schon Forschung?

Wie ist im Moment der Status? Also die verschiedenen Gruppen, die in der Forschungsfabrik unterwegs sind, sind in unterschiedlichen Stadien. Sagen wir es mal so, ich kann jetzt für meine Gruppe sprechen, also für das Sustainable Packaging Institute. Wir sind aktuell knapp 19 Personen in der Gruppe, die auf aktuell 15 Forschungsprojekten arbeiten.

Und wir haben ein Forschungsvolumen von circa um die 5 Millionen Euro seit meiner Berufung akquiriert. Das sind jetzt einfach mal so ein paar Zahlen. Das ist, um das ins Verhältnis zu setzen. So im Schnitt sind wir da mit circa einer Million Euro.

Das ist schon ordentlich. Das sind alles öffentliche Mittel. Und damit geht natürlich auch eine große Verantwortung einher, der ich mir bewusst bin und der wir uns auch stellen. Also wir sind, was die nachhaltigen Verpackungskonzepte angeht, seit einigen Jahren jetzt schon sehr erfolgreich unterwegs.

Und vor allem haben wir auch eine interessante Geräteausstattung von Compoundern, Spritzguss. Wir können lackieren, kaschieren und vieles mehr. Also ihr fokussiert euch jetzt nicht nur wie wir auf Flexpack, sondern ihr kümmert euch auch so ein bisschen um gespritzte Verpackungen und das Abpacken an sich, oder? Ja, genau.

Also wir versuchen hier schon die Wertschöpfungskette abzudecken. Angefangen vom Rohpolymer über das Blenden, Kompoundieren. Und dann können wir Folien herstellen. Also Flexpack ist möglich.

Spritzguss und Flachfolienanlage im Einsatz

Flachfolienanlage ist vorhanden. Wir haben aber auch das Thema Spritzguss bei uns an der Hochschule etabliert. Nicht alles ist natürlich zentral jetzt an der Forschungsfabrik. Wir haben ja zwei Standorte, Siebmeringen und Alpstadt.

In Alpstadt bei den Maschinenbauern arbeiten wir z.B. mit einer großen Spritzgussanlage, mit der wir dann auch Joghurtbecher oder andere starre Verpackungen herstellen können. Da haben wir die Möglichkeiten und auch die Expertise, das zu machen. Wir haben mal auch für unsere Seminarreihe geprägt den Begriff nachhaltiges Abpacken.

Also es geht nicht unbedingt nur um den Packstoff, sondern um den Prozess. Das hast du eben auch schon ein bisschen angesetzt. Was versteht ihr genau darunter? Also wir schauen uns eben alle Prozesse dazu an.

Auch das Abpacken relativ genau an. Das heißt, wir sind in der Lage, auch die Medienverbräuche oder auch die Nebenströme, die Abschnitte, die bei solchen Prozessen anfallen – die sind ja sehr vielfältig –, schauen wir uns an und versuchen das zu optimieren. Dazu bedarf es natürlich gewisser Grundausstattung.

Man muss dann auch die entsprechenden Aufnehmer haben, die Medienverbräuche messen. Also wir reden davon Strom, Wasser, Druckluft, Gas. Wir wissen, wie viel Verbrauch haben wir, und können dann auch diese Primärdaten in Ökobilanzen mit einfließen lassen. Um dann zu sehen, wie können solche Abpackprozesse optimiert werden, energetisch, aber auch materialseitig.

Und da versuchen wir natürlich, materialeffizienter und energieeffizienter zu werden. Da sind wir sehr froh, dass wir auch von Firmen aus der Region Dauerleihgaben an Maschinen bekommen. Da sind wir tatsächlich sehr dankbar für, wo wir jetzt eine große Abwapplinie haben, vom Slicen über Förderbänder, die dann in den Traysealer gehen mit vollautomatischer Gewichtskontrolle und Etikettierung. Vom Produkt selbst bis hin zur fertig abgepackten MAP-Schale.

Da sind wir wirklich sehr froh, dass wir diese Möglichkeiten haben. Das ist hochspannend. Wir nehmen jetzt hier am 25. Januar 2023 auf und bald ist das Inno-Meeting am 9.

und 10. Februar. Da wirst du auch sprechen über Bioökonomie. Da zielt ja eure Bemühung auch.

Bioökonomie: Nachwachsende Rohstoffe als Grundlage

Das Wort Bioökonomie ist ja noch nicht bei jedem so ins Gehirn eingewandert. Was verstehst du darunter? Was ist das? Also unter Bioökonomie versteht man die Nutzung von nachwachsenden Ressourcen in der Gesellschaft für Gewinnung von Energie und Materialien.

So sagt: wir wollen auf nachwachsende Rohstoffe unsere Ökonomie aufbauen. Wir nennen den Begriff Bioökonomie meist immer in Kombination mit der kreislauffähigen, kreislauforientierten Bioökonomie. Weil es wäre natürlich ideal, wenn wir biogene Rohstoffe verwenden, um daraus Funktionsmaterialien zu machen und die dann wieder im Kreislauf fahren können. Und in meinem Vortrag auf dem Inno-Meeting, auf den ich mich übrigens schon sehr freue, das wird ein tolles Event.

Da möchte ich auch darauf hinweisen, warum Bioökonomie erforderlich ist, um wirklich nachhaltig in die Zukunft zu blicken. Also darum soll es gehen, auch im Kontext Verpackung. Wenn man über Bioökonomie spricht oder darüber nachdenkt und sich den Begriff so vor Augen führt, dann denkt man natürlich auch getrieben durch die Medien, die uns Papier immer näher legen, genau an das Selbige, nämlich an Papierverpackung. Das geht natürlich nicht in jedem Fall.

Wir haben im Vorgespräch auch schon darüber gesprochen. Du hast eben auch schon kurz zu Biopolymeren Stellung genommen. Siehst du denn da eine große Zukunft in den Biopolymeren hinsichtlich Bioökonomie, oder ist das eher das im Kreis fahren und Energie aus nachwachsenden Quellen oder aus erneuerbaren Quellen zu nutzen für die Verarbeitung von klassischen Kunststoffen, die vielleicht sogar auch auf pflanzlicher Basis entstanden sind? Ich weiß es nicht.

Wie schätzt du das ein? Also mittelfristig betrachtet ist es so, dass wir, wenn wir wirklich in funktionierenden Kreisläufen denken, ja auch in jedem funktionierenden Kreislauf immer, immer gewisse Abfälle oder, wenn wir es mal so sagen, Verluste entstehen. Selbst wenn wir die perfekte Kreislaufwirtschaft hätten, also perfekt, alles wird im Kreis geführt, dann wäre natürlich nichts dagegen zu sagen, dass wir aus fossilen Rohstoffen hochwertige Materialien machen, die dann immer im Kreis fahren. Das wird allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit nicht funktionieren.

Das heißt, wir werden immer wieder neue Rohstoffe in dem Kreis zuführen müssen. Und das bedeutet wiederum, dass wir irgendwann – ich kann ja auch nicht sagen wann – diese doch knappen und endlichen Ressourcen, nämlich die fossilen Rohstoffe, ausgehen. Und da kommt dann tatsächlich die Bioökonomie und Bio-Kunststoffe ins Spiel. Denn wenn ich mir heute schon die Drop-in-Solutions anschaue, die ja aus Bio-basierten Rohstoffen hergestellt werden, besteht eben die Möglichkeit, die Kreisläufe und die Verluste, die wir haben, wieder mit nachwachsenden Rohstoffen zu füllen.

Und das wird so ein Thema sein, was ich ein bisschen näher dann auch bei meinem Vortrag beschreiben möchte. Also das eine schließt das andere nicht aus. Wir brauchen Kreislaufwirtschaft, wir brauchen aber auch zumindest mittelfristig die Bioökonomie. Und da sind sich die Experten einig, dass wir natürlich nicht zwingend weg müssen von einer vollständigen Dekarbonisierung von allem.

Nein, wir müssen weg von der Fossilisierung. Das ist das Thema. Wir müssen endliche Ressourcen versuchen zu substituieren mit nachwachsenden Ressourcen. Das ist ein sehr komplexes, ein großes Thema.

Verpackungssektor: Komplexität jenseits Papierlösungen

Und ich werde versuchen, das zumindest für den Verpackungssektor in meinem Vortrag dann runterzubrechen. Es gab mal, in einem Vortrag von Siegwerk war es, glaube ich, eine Aussage, dass es Marktstudien gäbe, dass 10 % zum Beispiel von flexiblen Verpackungen in dem Fall in Papier umgesetzt werden könnten. Aber auch da schreit schon die Papierindustrie, dass das schaffen wir gar nicht zu produzieren. In Spanien sind gerade Papierfabriken abgeschaltet worden, weil es einfach keine Bleichmittel mehr gibt.

Jetzt kann man sagen, ja gut, dann machen wir alles aus braunem Papier, aber so einfach ist ja die Welt nicht. Also da sieht man schon am Beispiel Papier, wo ja alles eigentlich schon sehr gute Kreisläufe zu geben scheint, auch weltweit, weil es einfach billiger ist, die Faser aus dem Papier zu holen als aus einem Baum, so sagt es mal ein Referent aus der Papierindustrie. Selbst da gibt es doch Bedenken, dass man die Mengen schafft. Wie sieht das aus bei Biopolymeren?

Wenn wir jetzt die fossilen Kunststoffe wirklich ersetzen wollten durch Nachwachsende beispielsweise und dann die Kreislaufwirtschaft noch mit in Betracht ziehen, wo wir ja auch eine gute Rohstoffquelle noch erschließen müssen, wir sind ja weit unter 50%, wenn wir ehrlich zueinander sind, europaweit gesehen. Wo geht der Trend hin? Schaffen wir das überhaupt? Können wir so viel Biomasse erzeugen, um daraus so viele Biopolymere zu machen, um die fossilen Kunststoffe wirklich zu ersetzen?

Ja, das ist auch eine Frage, die immer wieder aufkommt, wenn es um das Thema Biokunststoffe und Lebensmittel-Konkurrenz geht. Wir arbeiten ja mit Agrarstoffen, sei es Zuckerrohr oder Maisstärke, was verwendet wird, um Biopolymere unter anderem herzustellen, auch in diesem Kontext. Da stellt man sich immer die Frage, ist das jetzt wirklich so eine große Futtermittel-Konkurrenz? Oder es gab die Frage, wie viel Prozent der Agrarfläche würden wir benötigen, um alle Kunststoffe, die momentan auf dem Markt sind, und mit meine ich nicht nur im Verpackungssektor und vor allem auch nicht nur im Flexpack-Bereich, wie viel Prozent bräuchten wir denn da von der Agrarfläche?

Da haben wir mal ein paar Daten zusammengesucht, die Quellen zeige ich dann auch gern bei meinem Vortrag, und das wäre je nachdem, welche Daten man sich anschaut, irgendwo zwischen 0,8 und 1,2% der weltweiten Agrarfläche würden wir benötigen, wenn es denn ginge. Ich sage jetzt, das geht nicht, dass ich hier falsch verstanden werde, dass man alle Kunststoffe plötzlich auf dem Agrarrohstoff substituieren könnte. Ganz klar nicht. Aber 0,8 bis 1,2% ist schon eine Ansage.

Wenn wir das mal bitte ins Verhältnis setzen zu der Agrarfläche, die weltweit verwendet wird, um Lebensmittelabfälle zu produzieren, hatte ich einen schönen Vortrag von dir online gesehen, da hast du auch die Daten gezeigt, wo man ja in Richtung ein Drittel, nicht ganz, glaube ich, 28%, ich habe jetzt gerade die Korrektionszahlen nicht da. Die Agrarfläche verwenden wir, um Lebensmittel zu produzieren, die wir nachher gar nicht mal essen oder auch nicht als Futtermittel verwenden. Und da setzen wir das mal ins Verhältnis. Da ist vielleicht die Diskussion um, können wir das überhaupt schaffen von den Mengen, von den Massen her?

Und wie sieht es da mit der Lebensmittelkonkurrenz aus? Sollte man im Verhältnis betrachten. Also lieber hochfunktionale Verpackungen, sei es aus Papier oder aus Biopolymeren verwenden, um am Ende einen Beitrag zu leisten, weniger Lebensmittelabfälle zu generieren. Da gewinnen wir vielleicht gerade mehr.

Ganz genau. Und gerade diese Lebensmittelabfälle, manche sind ja auch nicht zu vermeiden. Ein Stängel, den will man vielleicht nicht mitessen von irgendeiner Frucht oder einem Gemüse. Daraus werden ja auch mittlerweile schon Biopolymere gewonnen.

Vielversprechende Rohstoffe für Kunststoffersatz

Da gibt es auch einen großen Trend. Gibt es denn aus deiner Sicht schon Rohstoffe, die vielversprechend sind als Ersatz für fossile Kunststoffe? Du hast die Drop-ins schon genannt, aber es gibt ja auch noch weitere Entwicklungen. Es sind unterschiedlichste Entwicklungen am Kommen.

Wir haben viele Entwicklungen. Jetzt reden wir von Technologiereife, gerade der natürlich noch nicht ganz marktreif ist, wo es darum geht, wirklich auch Reststoffe zu verwerten. Dass wir sagen, wir gehen auf Rohstoffe, die in großen Mengen da sind und die verwerten wir, um daraus dann Kunststoffe herzustellen. Und da könnte man etliche aufzählen.

Da gehören zum Beispiel die Polyhydroxyalkanoate dazu, die ja schon seit sehr langer Zeit in der Beforschung sind, es bislang aber noch nicht zum großen Durchbruch geschafft haben am Markt. Über die Punkte können wir auch gern sprechen. Neu am Horizont aufkommen sind die Polyethylenphoranoate, die in Bioreaktoren aus nahezu jedem geeigneten Reststoff oder Agrarstoff hergestellt werden können. Da sehe ich mittellangfristig Potenzial, dass wir mal in verschiedenen Projekten unterwegs auf die bekannten Materialien wie die Polymilchsäure, die man hier nennen kann, die ja auch schon vor 2011, wenn nicht gar vorher, von der großen Molkerei schon Joghurtbecher am Markt waren.

Da ist relativ viel in der Mache. Die Herausforderung, die wir da sehen, ist oftmals die Skalierbarkeit. So sehe ich es zumindest bei den Polyhydroxyalkanoaten. Polyhydroxybutyrat-Valeriansäure ist eine Riesenherausforderung, da überhaupt die Massen zu produzieren und das zu wettbewerbsfähigen Preisen.

Das ist auch immer die Herausforderung bei uns in der Forschung und Entwicklung. Wir können wirklich objektiv nach LCA-Maßstäben berechnet nachhaltige Materialien entwickeln, die auch eine hohe Funktionalität haben. Das geht. Allerdings müssen die auch zu marktfähigen Preisen dann produziert und hergestellt werden können.

Und daran scheitert es leider oftmals. Denn nur dann wird ein Beitrag zur Nachhaltigkeit geleistet werden können, wenn wir die Dinge dann auch am Markt sehen. Oft wird es vermischt, aber ich will die Frage: Wenn wir über Biopolymere sprechen, wird oft suggeriert, auch beim Konsumenten oft suggeriert, dass die automatisch auch in der Landschaft oder im Meer sich dann abbauen. Du hast bei einem Vortrag schon mal sehr klar herausgearbeitet, dass das nicht der Fall ist.

Also Biopolymer ist nicht gleich bioabbaubar. Das muss man unterscheiden. Gibt es denn heute auch da Ideen, wie zum Beispiel Papier sich im Wasser schon abbauen würde, auch für Polymere? Hast du da irgendwas im Petto?

Ja, also mit unseren Partnern gemeinsam arbeiten wir da an verschiedensten Ansätzen, dass auch Biopolymere, die man klar definieren kann, als Polymere, die aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen und oder biologisch abbaubar sind. Also nicht alle Biopolymere sind biologisch abbaubar. Die Drop-in-Solutions zum Beispiel passen da nicht dazu. Wenn wir uns aber jetzt mal Biopolymere anschauen, die biologisch abbaubar sind, seien sie jetzt aus nachwachsenden Rohstoffen oder aus petrochemischen Quellen, dann ist ja Bioabbaubarkeit jetzt einmal so ein Überbegriff.

Biopolymer-Kompostierbarkeit: Internationale Standards erforderlich

Da ist mal nur der ganze Zeithorizont nicht mit drin und die Bedingungen sind da noch mit drin. Da gibt es immer dieses Beispiel vom Baumstumpf. Baumstumpf ist schon biologisch abbaubar, würde aber keine Kompostierbarkeitsnorm schaffen. Das ist das Thema.

Wie kriegt man jetzt aber Biopolymere, die in einer Kompostieranlage in Italien vielleicht super abbaubar sind, aber auf dem heimischen Kompost oder gar einfach in der Umwelt nicht abbaubar sind, dazu doch abbaubar zu sein? Das sind aktuelle Forschungsprojekte. Was macht man da? Da kann man zum Beispiel Enzyme einsetzen.

Das heißt, dass dem Biopolymer schon Enzyme zugesetzt werden, also dem abbaubaren Polymer, was dann im Fall der Heimkompostierung oder der mehrwasserabbaubaren Folien diesen Abbau beschleunigt, vereinfacht dargestellt. Das ist eine Möglichkeit. Eine andere Möglichkeit ist natürlich das Blenden, dass wir verschiedene kompatible Polymere, die unterschiedlich schnell abbauen miteinander kombinieren, um hier Vorteile zu schaffen. Da haben wir einige Projekte, wo wir mit unseren Partnern uns das anschauen.

Das Ganze versuchen, auch mathematisch zu modellieren, weil so Abbaubarkeits-Versuche, die dauern ja auch relativ lang. Und die können schon, auch wenn man das beschleunigt, aber dann sind die Daten nicht mehr vergleichbar. Also Accelerated Tests sind immer schwierig, das dann zu interpretieren. Deswegen versuchen wir da auch unter anderem mit unseren Partnern in verschiedenen Forschungsprojekten über mathematische Modellierung herauszufinden, wie müssen wir einen Kunststoff modifizieren, dass er dann unter gegebenen Bedingungen entsprechend abbaut.

Möglichst vollständig natürlich auch. Genau. Nun haben wir schon ganz viele Strömungen angetippt. Und wenn wir jetzt mal die Flughöhe erhöhen und überlegen mal, was müsste eigentlich in der Verpackungsindustrie kurz- und mittelfristig sich ändern, um all diese Anforderungen, insbesondere an Plastikverpackungen, die ja wirklich ein Bashing unterliegen.

Und teilweise muss man ehrlich sagen auch zu Recht, weil wir sehr sorglos mit den Abfällen, die es ja nicht mehr geben sollen, umgehen. Was müsste, wenn wir aus ganz großer Flughöhe gucken, mit der Verpackungsindustrie passieren, damit wir durch Recycling, durch Bio-Polymere, durch Bioökonomie bis 2035, 2040 die gesteckten Ziele, die ja jetzt von der EU wohl zu kommen scheinen, auch wirklich erreichen? Wir wollen ja keine kurzlebigen Plastikverpackungen eigentlich mehr in der Natur haben. Aber wir schaffen es ja noch nicht.

Hast du da schon einen groben Fahrplan? Hast du da eine Idee, wie es laufen kann? Was müssen wir als Verpackungshersteller vielleicht oder die Marken oder der Handel noch stärker tun? Karsten, das wäre schön, wenn ich da direkt eine Blaupause vorlegen könnte, einen Masterplan, der das macht.

Das ist eine sehr komplexe Thematik, die ja auch europaweit unterschiedlich zu diskutieren ist, wenn man will. Wir haben ja ganz unterschiedliche Systeme vor Ort. Also das sind mehrdimensionale Zusammenhänge. Das ist schwierig.

Nachhaltige Lösungen realistisch und machbar

Was ich glaube und deswegen antworte ich jetzt auch eher auf einer gewissen Flughöhe und gehe gar nicht so ins Detail, dass wir es natürlich nur schaffen, wenn wir das zusammen angehen. Also das heißt, dass die gesamte Wertschöpfungskette in der Verpackungsbranche und so alle Akteure sich zusammen an den Tisch setzen. Und da zählt natürlich auch die Legislative, also die Gesetzgeber mit dazu, um hier machbare Lösungen zu erarbeiten. Es ist so, natürlich braucht es gewissen politischen Druck, dass was passiert.

Aber er muss auch noch realistisch sein. Er muss machbar sein. Darf nicht nachher zu Fehlentscheidungen führen, nur weil wir jetzt ganz schnell etwas erreichen wollen. Also auf Sicht fahren, zusammensitzen und hier die entsprechenden Lösungen zu erarbeiten.

Und da gibt es schon gute Konzepte. Wir sind, ich möchte da jetzt gar nicht nur schwarz malen. In den Medien liest man vieles und vieles ist auch richtig. Ganz, ganz klar.

Aber ich glaube, wenn wir hier zusammenarbeiten, zusammensitzen und zwar von der Forschung angefangen, neue Technologien zu entwickeln, die kommen müssen, bis hin über auch Standardisierungen zu sprechen im Verpackungsbereich. Das sind jetzt auch einzelne Schlagwörter mal genannt. Dann können wir das schon schaffen. Ich glaube, der gemeinsame Wille ist da.

Und im Konsens schafft man das auch. Also ich bin zuversichtlich. Und ich versuche da meinen Beitrag mit meinem Team zu leisten von Forschungsseite her. Wir versuchen das genauso durch die Verbreitung von Folienwissen natürlich.

Und letztendlich ist es tatsächlich so, die Kooperation wird es richten. Wir vergleichen es ja manchmal auch mit der Automobilindustrie, die ja angeblich die Elektrifizierung verpennt hat. Und dann kam so ein Amerikaner, der hat es dann allen gezeigt. Aber ganz so ist es auch nicht.

Denn auch da ist es komplex und schwierig mit der Skalierbarkeit. Genau wie du es auch eben genannt hast. Und ich glaube, da können wir uns trotzdem eine Menge abgucken. Und ich glaube, wir machen manches auch schon besser.

Denn wir arbeiten jetzt schon eng zusammen und wir sind relativ systemoffen. Das heißt, wir machen das mechanische Recycling. Wir machen das Lösemittelrecycling. Wir machen chemisches Recycling.

Materialwahl: Kunststoff-Zukunft offen gestalten

Wir sind relativ offen, wie wir es machen für Kunststoffe. Es gibt noch ein bisschen diesen Materialkampf. Kunststoff ist besser als Blech oder Blech ist besser als Papier oder so. Damit müssen wir, glaube ich, aufhören.

Aber wenn du dir jetzt einen Wunsch quasi den Zuhörern auf den Screensaver, also auf den Bildschirmschoner zaubern könntest, einen Slogan, den sie jeden Morgen sehen sollten, was würdest du dem Abpacker und den Verantwortlichen für Folienverpackung wünschen, dass sie sich jeden Tag dranhalten? Gemeinsam, nachhaltig, Zukunft gestalten. Das kann besser nicht sein. Danach kann nichts mehr kommen.

Markus, ein toller Podcast. Danke für deine Zeit. Das war richtig interessant. Ich wünsche dir viel Erfolg in Siegmaringen.

Und ich freue mich auch, dich Anfang Februar wiederzusehen in Osnabrück. Bis dann. Vielen Dank, Karsten. Bis dann.

Und das war es schon wieder für heute. Ich hoffe, es war etwas Interessantes für Sie dabei. Und wenn auch Sie einmal Teil dieser Initiative für mehr Flexpackwissen werden möchten, melden Sie sich gerne bei mir unter ks@innoform.eu und nicht vergessen, diesen Podcast zu abonnieren, wo immer Sie Podcasts hören. Tschüss.

Bis zum nächsten Mal. Ihr Karsten Schröder.

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