Chrissi Holzmann über Unverpackt, Verpackung und Verantwortung.
Unverpackt‑Läden gelten vielen noch immer als Nischenphänomen oder idealistisches Gegenmodell zum klassischen Lebensmitteleinzelhandel. Im Innoform Podcast spricht Chrissi Holzmann – Vorständin im Verband der Unverpackt‑Läden und Betreiberin eines eigenen Geschäfts im Süden Münchens – offen über Motivation, Herausforderungen und Grenzen des Konzepts.
Dabei wird schnell klar: Unverpackt ist weder dogmatisch noch naiv, sondern ein bewusster Versuch, frühzeitig im System anzusetzen – bevor Verpackung überhaupt entsteht.
Vom Gastro‑Alltag zur Systemkritik
Chrissi Holzmann kommt nicht aus dem Handel, sondern aus der Gastronomie und Veranstaltungsbranche. Der Wendepunkt waren Studien – unter anderem des WWF – zu Plastikmüll und dessen realem Verbleib. Was viele als „wegwerfen“ bezeichnen, stellte sich für sie als globales Problem ohne echtes „Weg“ heraus.
Diese Erkenntnis führte nicht zu einem Protest, sondern zu unternehmerischem Handeln: Vor sechs Jahren eröffnete sie ihren eigenen Unverpackt‑Laden, der sich heute fest in der Nachbarschaft etabliert hat.
Verpackung: 30 Sekunden Nutzung, jahrzehntelange Folgen
Die zentrale Kritik an Verpackungen ist für Holzmann nicht das Material an sich, sondern der Umgang damit. Verpackungen werden extrem kurz genutzt und anschließend entsorgt – oft ohne Verantwortungsgefühl für das, was danach passiert.

Aus ihrer Sicht greift Recycling allein zu kurz:
„Wenn die Badewanne überläuft, drehe ich zuerst den Wasserhahn zu – und vergrößere nicht den Abfluss.“
Vermeidung steht für Unverpackt klar vor Verwertung.
Sortiment: Weniger Auswahl, mehr Entscheidung
Unverpackt bedeutet nicht Verzicht, sondern Kuratierung. Auf etwa 45 Quadratmetern bietet Holzmann alles an, was ein Alltag braucht – allerdings ohne die 20‑fache Variante desselben Produkts.
Das Prinzip:
- wenige, sorgfältig ausgewählte Produkte
- überwiegend Bio‑Qualität
- kurze, transparente Lieferketten
- große Gebinde statt vieler Kleinverpackungen
Für Kund:innen heißt das: schneller Einkauf, weniger Entscheidungsstress – und Vertrauen in die Vorauswahl der Betreiberin.
Unverpackt ≠ Verpackungsfrei
Ein wichtiger Punkt im Gespräch: Auch Unverpackt‑Läden sind nicht frei von Verpackungen. Viele Produkte werden im Großgebinde angeliefert – teilweise auch in Kunststoff, etwa bei ölhaltigen Waren wie Nüssen oder Kaffee.
Entscheidend ist jedoch:
- eine Verpackung statt vieler
- keine zusätzliche Marketing‑Umverpackung
- kaum Sekundärverpackung
- deutlich weniger Transport‑ und Handlingaufwand
Auch Mehrweg wird differenziert betrachtet: sinnvoll bei Flüssigkeiten und größeren Volumina, unsinnig bei kleinen, trockenen Produkten wie Gewürzen.
Lebenszyklus statt Glaubensfrage
Das Gespräch zeigt viele Berührungspunkte zwischen Unverpackt‑Idee und moderner Verpackungsentwicklung. Lebenszyklusanalysen werden nicht abgelehnt – im Gegenteil. Holzmann betont, dass auch in der Unverpackt‑Community faktenbasierte Entscheidungen gewünscht sind.
Mehrweg ist nicht automatisch besser, Glas nicht per se nachhaltig, und auch Einweg kann in bestimmten Situationen sinnvoll sein. Entscheidend ist der konkrete Anwendungsfall.
Wirtschaftliche Realität: Das Unverpackt‑Ladensterben
So überzeugend das Konzept ist – wirtschaftlich steht die Branche unter Druck. Die Zahl der Unverpackt‑Läden in Deutschland hat sich seit 2021 etwa halbiert.
Ein Grund: höherer Personal‑ und Organisationsaufwand bei gleichzeitig starkem Preisdruck. Holzmann schlägt deshalb einen klaren politischen Hebel vor:
Mehrwertsteuerbefreiung für unverpackte Produkte.
Der Effekt wäre direkt sichtbar am Preisschild – und würde nachhaltige Kaufentscheidungen erleichtern, ohne Verbote oder Moralkeulen.
Wer trägt die Marke?
Wo keine Verpackung ist, fehlt das klassische Markenmarketing. Viele Unverpackt‑Läden verzichten bewusst auf Logos an Spendern und Gläsern. Stattdessen wird der Laden selbst zur Marke – als Garant für Qualität, Herkunft und Sinnhaftigkeit.
Die Botschaft:
Nicht das lauteste Produkt gewinnt, sondern das durchdachteste.
Blick nach vorn: Mitgestalten statt konsumieren
Auf die Frage nach der Zukunft wünscht sich Chrissi Holzmann vor allem eines: mehr Selbstwirksamkeit bei Konsument:innen. Wer einkauft, gestaltet Märkte mit – jeden Tag.
Unverpackt soll in fünf Jahren kein Sonderfall mehr sein, sondern ein selbstverständlicher Teil einer differenzierten, informierten Konsumlandschaft.
Fazit:
Das Gespräch zeigt, dass Unverpackt und Verpackungsoptimierung keine Gegensätze sein müssen. Beide beschäftigen sich mit derselben Frage:
Wie viel Verpackung ist sinnvoll – und wann wird sie zum Problem?
Der Podcast macht deutlich: Die Antworten darauf sind komplexer als Schlagzeilen – und genau deshalb lohnt sich der Dialog.
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