Migrationsprüfungen an Lebensmittelverpackungen: Was Unternehmen wissen sollten

Lebensmittelverpackungen müssen sicher sein und dürfen keine Stoffe in Mengen an das Lebensmittel abgeben, die die Gesundheit gefährden oder die Qualität des Lebensmittels unzulässig beeinflussen. Doch welche rechtlichen Grundlagen gelten eigentlich? Welche Lebensmittelsimulanzien müssen für eine Migrationsprüfung gewählt werden? Und wie lassen sich Ergebnisse aus Migrationsprüfungen richtig bewerten?

Genau darum ging es im Webseminar „Migrationsprüfungen an Lebensmittelverpackungen“ mit Referent Dr. Tim Schlüter. Ziel war es, einen praxisnahen Überblick über die Grundlagen zu geben und insbesondere dabei zu helfen, Prüfberichte und Konformitätserklärungen besser zu verstehen und auf Plausibilität prüfen zu können.

Von der Rahmenverordnung bis zur Kunststoffverordnung

Eine wichtige Grundlage bildet die Verordnung (EG) Nr. 1935/2004. Sie stellt allgemeine Anforderungen an Materialien und Gegenstände, die dazu bestimmt sind, mit Lebensmitteln in Berührung zu kommen. Dabei dürfen Materialien unter normalen oder vorhersehbaren Verwendungsbedingungen unter anderem keine Bestandteile in einer Menge auf Lebensmittel übertragen, die die menschliche Gesundheit gefährden oder die organoleptischen Eigenschaften beeinträchtigen.

Für Kunststoffe werden diese Anforderungen durch die Verordnung (EU) Nr. 10/2011 konkretisiert. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Unionsliste der zugelassenen Stoffe. Dort finden sich unter anderem Stoffnummern, spezifische Migrationsgrenzwerte (SML), Gruppenbeschränkungen sowie Hinweise zur Konformitätsprüfung.

Gesamtmigration und spezifische Migration

Im Seminar wurde insbesondere zwischen zwei Arten der Migrationsprüfungen unterschieden.

Bei der Gesamtmigration wird betrachtet, welche Gesamtmenge nichtflüchtiger Stoffe aus einem Material oder Gegenstand in ein Lebensmittelsimulanz übergeht. Als Grenzwert wurden im Seminar 10 mg/dm² der Lebensmittelkontaktfläche erläutert.

Bei der spezifischen Migration geht es dagegen um einzelne bekannte Stoffe. Für sie können spezifische Migrationsgrenzwerte, sogenannte SML-Werte, gelten. Zusätzlich können Gruppenbeschränkungen bestehen, bei denen mehrere Stoffe gemeinsam betrachtet werden müssen.

NIAS nicht aus dem Blick verlieren

Ein weiteres wichtiges Thema waren NIAS, Non-Intentionally Added Substances. Dabei handelt es sich um Stoffe, die nicht gezielt eingesetzt werden, beispielsweise Verunreinigungen, Kontaminationen sowie Reaktions- oder Abbauprodukte aus dem Herstellungsprozess. Auch diese können für die Bewertung eines Lebensmittelkontaktmaterials relevant sein.

Im Zusammenhang mit der Lieferkette machte Tim Schlüter außerdem deutlich, wie wichtig die Weitergabe ausreichender Informationen ist. Nur wenn die notwendigen Informationen zu Stoffen und möglichen Beschränkungen vorliegen, kann die nachfolgende Stufe der Lieferkette die Konformität ihres Materials entsprechend bewerten.

Lebensmittelsimulanzien: Welches Lebensmittel soll abgebildet werden?

Da Migrationsprüfungen analytisch nicht immer direkt am Lebensmittel durchgeführt werden können, kommen definierte Lebensmittelsimulanzien zum Einsatz. Im Seminar wurden unter anderem die Simulanzien A, B, C, D1, D2 und E vorgestellt. Sie repräsentieren unterschiedliche Lebensmittelcharakteristika, beispielsweise wässrige, saure, alkoholische, fetthaltige oder trockene Lebensmittel.

Welche Simulanzien benötigt werden, hängt somit maßgeblich vom vorgesehenen Einsatzbereich der Verpackung ab. Auch Korrekturfaktoren und mögliche Ausnahmen müssen bei der Bewertung berücksichtigt werden.

Prüfbedingungen müssen zur Anwendung passen

Nicht nur das Lebensmittel, sondern auch Kontaktzeit und Kontakttemperatur beeinflussen die Migration. Deshalb werden die Prüfbedingungen so gewählt, dass die ungünstigsten vorhersehbaren Verwendungsbedingungen abgedeckt werden.

Ein besonders wichtiger Hinweis aus dem Seminar: Die Prüfbedingungen für Gesamtmigration und spezifische Migration sind in der Regel nicht identisch. Stimmen sie in einer Konformitätserklärung überein, sollte deshalb geprüft werden, ob dies für den jeweiligen Anwendungsfall plausibel ist.

Genau hier zeigt sich der praktische Nutzen eines grundlegenden Verständnisses der Regelwerke. Wer weiß, welche Simulanzien und Prüfbedingungen für den eigenen Anwendungsfall relevant sind, kann Angaben von Lieferanten besser nachvollziehen und gezielter hinterfragen.

Migrationsprüfung richtig bewerten

Auch nach der eigentlichen Prüfung gibt es einiges zu beachten. Für die Bewertung können beispielsweise das tatsächliche Verhältnis von Verpackungsoberfläche zu Lebensmittelmenge, die vorgesehene Anwendung, Mehrwegkonzepte oder Verpackungen aus mehreren Komponenten relevant sein.

Bei zusammengesetzten Verpackungen ist zudem zu prüfen, ob gleiche migrationsrelevante Stoffe aus unterschiedlichen Komponenten stammen können. Im Seminar wurde dies am Beispiel einer Verpackung aus Schale und Deckelfolie erläutert.

Fazit: Wissen, was geprüft wurde und warum

Migrationsprüfungen sind ein komplexes Thema. Umso wichtiger ist es, die Grundprinzipien zu kennen. Welche Vorschrift greift? Welche Stoffe müssen betrachtet werden? Welches Lebensmittelsimulanz bildet die spätere Anwendung ab? Welche Prüfbedingungen sind erforderlich und wie wurde das Ergebnis bewertet?

Das Webseminar zeigte vor allem eines: Nicht jede Detailregel muss auswendig bekannt sein. Entscheidend ist, zu wissen, wo die Anforderungen zu finden sind und welche Fragen bei einer Konformitätserklärung oder einem Prüfbericht gestellt werden sollten. Genau dieses Verständnis hilft dabei, Ergebnisse besser einzuordnen und die Konformität von Lebensmittelkontaktmaterialien fundierter zu beurteilen.