PPWR, rPP und Supply-Chain-Druck

Max Hascke und Julian Thielen in Flexpack News

Warum Flexpack-Unternehmen jetzt ihre Datenbasis klären müssen

FlexPack.news mit Max Haschke – Einordnung für die flexible Verpackungsindustrie

Die flexible Verpackungsindustrie steht weiter unter hohem Transformationsdruck. In der aktuellen Ausgabe von FlexPack.news ging es um lebensmitteltaugliches Polypropylen-Rezyklat, neue Orientierungshilfen zur PPWR, digitale Tools für Konformitätserklärungen, Marktkonsolidierungen bei großen Verpackungsherstellern und ein überraschend starkes Beispiel für Verpackung als Marketinginstrument: Chupa Chups.

Gemeinsam mit Max Haschke wurde deutlich: Viele Entwicklungen sind vielversprechend – aber der eigentliche Engpass liegt häufig nicht im guten Willen der Unternehmen, sondern in fehlender Datenbasis, unklaren Rollen, mangelnder Skalierbarkeit und einem enormen Druck entlang der gesamten Lieferkette.

Lebensmitteltaugliches rPP: Lichtblick, aber noch kein Durchbruch

Eine der wichtigsten Nachrichten der vergangenen Wochen betrifft ein nach EU-Standard lebensmitteltaugliches Polypropylen-Rezyklat für flexible Anwendungen. Auf den ersten Blick klingt das wie ein großer Schritt für die Flexpack-Branche. Denn gerade beim Einsatz von Rezyklaten in Lebensmittelverpackungen bestehen weiterhin erhebliche technische und regulatorische Hürden.

Im Gespräch wurde jedoch schnell klar: So wichtig solche Entwicklungen sind, sie lösen das Grundproblem noch nicht vollständig. Entscheidend ist nämlich der Eingangsstrom. Wenn lebensmitteltaugliches Material aus einem kontrollierten Kreislauf stammt – etwa aus definierten PP-Bechern oder vergleichbaren Quellen – lässt sich die Sicherheit deutlich besser nachweisen. Das ist aber etwas anderes als ein Rezyklat aus gemischten Haushaltsabfällen oder dem Gelben Sack.

Genau hier liegt eine der großen Herausforderungen der PPWR: Recyclingfähigkeit lässt sich in vielen Fällen durch Materialumstellungen und Design-for-Recycling-Maßnahmen erreichen. Beim verpflichtenden Rezyklateinsatz dagegen fehlen in bestimmten Bereichen noch belastbare technische Lösungen – insbesondere bei flexiblen Verpackungen mit Lebensmittelkontakt.

Für die Praxis bedeutet das: Erste lebensmitteltaugliche rPP-Lösungen sind ein wichtiges Signal. Sie zeigen, dass Bewegung in den Markt kommt. Von einer breit skalierbaren Lösung für alle PPWR-Anforderungen ist die Branche aber noch weit entfernt.

PPWR: Unternehmen suchen Klarheit – und bekommen oft neue Komplexität

Ein zentrales Thema der Folge war erneut die Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR). Neue Leitfäden und FAQ-Dokumente bringen zwar zusätzliche Informationen, schaffen aber nicht automatisch die Sicherheit, die Unternehmen aktuell benötigen.

Viele Firmen stehen weiterhin vor denselben Fragen:

  • Welche Rolle nehme ich nach PPWR überhaupt ein?
  • Bin ich Hersteller, Importeur, Händler, Inverkehrbringer – oder sogar in mehreren Rollen gleichzeitig?
  • Welche Informationen muss ich von meinen Lieferanten einholen?
  • Welche Daten muss ich selbst meinen Kunden bereitstellen?
  • Wie prüfe ich Konformitätserklärungen fachlich?
  • Welche Nachweise werden künftig verbindlich verlangt?

Max Haschke brachte es im Gespräch auf zwei zentrale Begriffe: Klarheit und Verbindlichkeit. Beides fehlt in vielen Unternehmen noch. Besonders schwierig ist, dass viele allgemeine Informationsveranstaltungen zwar einen Überblick geben, aber die konkrete Übersetzung auf das eigene Produktportfolio nicht leisten können.

Genau dort beginnt die eigentliche Arbeit: Unternehmen müssen ihre Verpackungen, Materialströme, Lieferanteninformationen, Rollen und Dokumentationspflichten systematisch erfassen. Das ist keine glamouröse Innovationsarbeit, sondern oft mühsame Fleißarbeit. Aber sie ist die Grundlage dafür, später überhaupt fundierte Entscheidungen treffen zu können.

Datenbasis statt Aktionismus

Eine der deutlichsten Botschaften der Folge lautet: Jetzt ist nicht die Zeit für blinden Aktionismus, sondern für saubere Datenarbeit.

Viele Unternehmen warten auf weitere delegierte Rechtsakte, technische Details oder verbindliche Prüfmethoden. Gleichzeitig steigt der Druck aus dem Markt bereits heute. Kunden fragen nach PPWR-Konformität, Ausschreibungen enthalten entsprechende Checkboxen, und erste Anforderungen werden zur Marktzutrittsvoraussetzung.

Das bedeutet: Wer erst am jeweiligen gesetzlichen Stichtag mit der Datenerhebung beginnt, ist zu spät.

Besonders relevant ist der erste große PPWR-Meilenstein am 12. August 2026. Für viele Unternehmen in der Lieferkette zählt aber nicht nur dieser Stichtag. Entscheidend sind bereits Ausschreibungen, Kundenanfragen und Lieferantengespräche, die deutlich früher stattfinden.

Die nachgelagerte Lieferkette braucht Informationen nicht irgendwann, sondern rechtzeitig für eigene Entscheidungen. Damit verschiebt sich der Druck: Nicht nur Behörden werden zum Treiber, sondern vor allem Kunden, Händler und Markenartikler.

Wie schon beim Verpackungsgesetz und der Recyclingfähigkeit zeigt sich: Häufig reguliert sich der Markt schneller und härter als der Gesetzgeber. Wenn Handel oder Industriekunden bestimmte Verpackungsanforderungen voraussetzen, wird daraus unmittelbar ein wirtschaftliches Kriterium.

„Datenbasis, Datenbasis, Datenbasis – jetzt ist die Zeit, im Betrieb klar Schiff zu machen, bevor der Markt die fehlende PPWR-Readiness zur Marktzutrittsbarriere macht.“

Excel reicht langfristig nicht aus

Ein weiterer Schwerpunkt war die Frage nach geeigneten Tools für PPWR-Daten, Konformitätserklärungen und Verpackungsinformationen. Neue Lösungen entstehen derzeit im Markt, etwa für PPWR-Konformitätserklärungen, Materialdaten, Recyclingfähigkeit oder Dokumentenmanagement.

Die Realität in vielen Unternehmen sieht aber noch anders aus. Häufig beginnt die Datenerfassung mit Excel – und das ist zunächst nachvollziehbar. Excel kann ein pragmatischer Startpunkt sein, um überhaupt Struktur in Materialdaten, Lieferanteninformationen und Verpackungsvarianten zu bringen.

Langfristig ist Excel aber keine zukunftsfähige Lösung für komplexe PPWR-Prozesse.

Denn Verpackungsdaten sind vielschichtig. Unterschiedliche Materialien, Spezifikationen, Lieferanten, Rollen, Nachweise, Prüfungen und Kundenanforderungen müssen miteinander verknüpft werden. Klassische ERP-Systeme sind dafür oft nicht vorbereitet. Product-Information-Management-Systeme, webbasierte Tools oder spezialisierte Add-ons können helfen – aber ein IT-Projekt unter Zeitdruck ist riskant.

Die Empfehlung aus dem Gespräch: Unternehmen sollten ihre Datenbasis jetzt praktikabel aufbauen, dabei aber so offen und strukturiert arbeiten, dass eine spätere Migration in professionelle Systeme möglich bleibt.

Wichtig ist vor allem, manuelle Schnittstellen zu reduzieren. Lieferantendaten sollten möglichst strukturiert eingeholt, geprüft und weiterverarbeitet werden können. Auch Kundenportale oder automatisierte Datenbereitstellungen werden künftig an Bedeutung gewinnen. Denn langfristig frisst nicht nur die regulatorische Anforderung Kosten – sondern vor allem die manuelle Verarbeitung unstrukturierter Informationen.

Marktkonsolidierung: Der Verpackungsmarkt bleibt unter Druck

Auch die wirtschaftliche Lage der Verpackungsbranche wurde angesprochen. Meldungen über Werksschließungen bei großen Herstellern wie Mondi zeigen, dass der Markt weiter unter erheblichem Druck steht. Dabei geht es nicht nur um einzelne Unternehmen, sondern um eine breitere Konsolidierungsbewegung.

Gerade im Papier-, Karton- und Wellpappenbereich sind Übernahmen, Zusammenschlüsse und Standortbereinigungen seit Jahren sichtbar. Große Zusammenschlüsse wie Smurfit WestRock oder weitere Akquisitionen im Markt zeigen, dass Synergien, Kapazitätssteuerung und Kostendruck zentrale Treiber bleiben.

Aus Sicht der Kunden entstehen dadurch neue Dynamiken. Preise, Konditionen, Ausschreibungen und Volumina werden härter verhandelt. Gleichzeitig suchen Hersteller und Verarbeiter nach Wegen, Overhead zu reduzieren, Standorte zu bündeln oder strategische Lücken durch Zukäufe zu schließen.

Für Flexpack-Unternehmen ist das relevant, weil Konsolidierung nicht nur Papier und Wellpappe betrifft. Auch flexible Verpackungen, Rezyklatströme, Rohstoffmärkte und technische Kapazitäten stehen in einem engen Zusammenhang. Wer Verpackungsstrategien plant, muss deshalb nicht nur technische und regulatorische Faktoren berücksichtigen, sondern auch Marktverfügbarkeit, Lieferkettenstabilität und Kostenentwicklung.

Verpackung als Marketinginstrument: Das Beispiel Chupa Chups

Zum Abschluss ging es um ein Thema, das auf den ersten Blick leichter wirkt, aber für Verpackungsentwickler hoch relevant ist: Chupa Chups hat eine „Easy-to-open“-Verpackung für Lollis vorgestellt und mit einer Social-Media-Kampagne begleitet.

Der Clou: Die Kampagne spielte mit dem bekannten Problem, dass sich Lolli-Verpackungen oft schwer öffnen lassen. Für den Launch wurde eine besonders schwer zu öffnende „Impossible Chupa Chups“-Variante inszeniert, die Content Creator vor laufender Kamera öffnen sollten.

Das Beispiel zeigt eindrucksvoll: Verpackung ist nicht nur Schutz, Barriere, Logistik oder regulatorische Pflicht. Verpackung kann Teil der Markenstory sein. Sie kann Aufmerksamkeit erzeugen, Nutzererfahrungen verbessern und sogar zum Kern einer Kampagne werden.

Gerade in industriellen Anwendungen wird dieser Aspekt häufig unterschätzt. Natürlich steht dort meist Funktionalität im Vordergrund. Aber auch ein technisches Verpackungssystem, ein Karton, ein Etikett, ein Öffnungsmechanismus oder ein sauber gestalteter Aufdruck kann Markenwirkung entfalten.

Die Botschaft lautet: Wer Verpackung nur als Kostenstelle betrachtet, verschenkt Potenzial. Verpackung kann Sicherheit, Effizienz, Nachhaltigkeit und Kommunikation zugleich leisten – wenn sie strategisch gedacht wird.

Fazit: Die Flexpack-Branche braucht Struktur, Daten und realistische Erwartungen

Die aktuellen Entwicklungen zeigen, wie komplex die Lage für flexible Verpackungen geworden ist. Einerseits entstehen neue Materialien, erste lebensmitteltaugliche Rezyklatlösungen und digitale Tools. Andererseits fehlen weiterhin skalierbare Stoffströme, klare Prüfmethoden, belastbare Daten und verbindliche Detailregelungen.

Für Unternehmen bedeutet das:

  • Lebensmitteltaugliche Rezyklate bleiben ein wichtiges Entwicklungsfeld, sind aber noch keine einfache Standardlösung.
  • Die PPWR erzeugt bereits heute Marktdruck – nicht erst durch Behörden, sondern durch Kunden und Ausschreibungen.
  • Eine saubere Datenbasis ist die Voraussetzung für jede weitere Verpackungsstrategie.
  • Excel kann ein Start sein, aber nicht die langfristige Lösung.
  • Rollen, Verantwortlichkeiten und Lieferketteninformationen müssen systematisch geklärt werden.
  • Verpackung bleibt nicht nur regulatorisches Thema, sondern auch wirtschaftlicher und kommunikativer Erfolgsfaktor.

Die wichtigste Empfehlung lautet daher: Unternehmen sollten jetzt nicht nur auf neue Rechtsakte warten, sondern ihre internen Hausaufgaben machen. Wer seine Verpackungsdaten kennt, Lieferanteninformationen strukturiert einholt und Rollen sauber bewertet, schafft die Grundlage für PPWR-Konformität, bessere Kundenkommunikation und langfristige Wettbewerbsfähigkeit.

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