Der 12. August ist da – und mit ihm der Moment, auf den die Verpackungsbranche seit Monaten hinarbeitet. Die PPWR (Verordnung (EU) 2025/40) ersetzt ab sofort die 30 Jahre alte Verpackungsrichtlinie in allen 27 Mitgliedstaaten, ohne Übergangsfrist. Sofort greifen die Grenzwerte für PFAS und Schwermetalle, die Kennzeichnungspflichten für Hersteller und Importeure, das Prinzip der Verpackungsminimierung sowie die Pflicht zur Konformitätserklärung je Verpackungstyp. Die schärferen Vorgaben zu Recyclingfähigkeit, Rezyklatanteilen und Mehrwegzielen folgen größtenteils erst ab 2030 – die praktische Umsetzung beginnt aber schon jetzt.
Elipso warnt vor Anforderungen jenseits des Gesetzes
Wie sehr der Umsetzungsdruck bereits in den Lieferketten ankommt, zeigt eine Meldung des französischen Kunststoffverpackungsverbands Elipso vom 10. August: Die Mitgliedsunternehmen – zusammen 8 Milliarden Euro Branchenumsatz, 70 Prozent des französischen Sektors – berichten von einem spürbaren Anstieg an Kundenanfragen, die weit über die eigentlichen PPWR-Anforderungen hinausgehen. Marken und Handel verlangen im Vorfeld der Konformitätserklärung teils ultraspezifische Tests, vollständige Stofflisten oder verbindliche Recyclingfähigkeits-Noten. Elipso stellt klar: Verpackungshersteller haben eine Informationspflicht, die Letztverantwortung für die EU-Konformitätserklärung liegt aber beim Markeninhaber bzw. „Packager“. Ergänzend hat die EU-Kommission am 3. August frische Auslegungshinweise zur PPWR veröffentlicht.
Rohstoffkosten setzen die Margen unter Druck
Während die Branche regulatorisch aufrüstet, bleibt der Kostendruck hoch. Der Raw Material Price Index von Flexible Packaging Europe (FPE) zeigt für das zweite Quartal 2026 kräftige Preissprünge bei zentralen Substraten: BOPP-Folie verteuerte sich um 97 Prozent, PET-Folie um rund 40 Prozent, BOPA-Folie um 21 Prozent, Aluminiumfolie um 12 Prozent. Auch bei Polyethylen zog der Markt deutlich an – HDPE plus 38 Prozent, LDPE plus 31 Prozent. FPE-Geschäftsführer Guido Aufdemkamp macht dafür geopolitische Lieferrisiken verantwortlich, insbesondere den Nahost-Konflikt und die zeitweise Sperrung der Straße von Hormus. Dass der Kostendruck bei den Herstellern ankommt, zeigen die Halbjahreszahlen von Mondi: Das bereinigte EBITDA fiel im ersten Halbjahr 2026 von 564 auf 379 Millionen Euro, die Marge sank von 14,4 auf 9,5 Prozent. Das Unternehmen reagiert mit Preiserhöhungen und plant vier weitere Werksschließungen in Deutschland, Polen, der Türkei und Ungarn.
Die Rezyklat-Lücke bleibt die eigentliche Baustelle
Strukturell entscheidender als der aktuelle Kostendruck dürfte für Flexpack aber die Recycling-Frage sein. Laut einer Studie der Brancheninitiative CEFLEX (Circular Economy for Flexible Packaging) muss die EU zwischen 2025 und 2035 zusätzlich jährlich rund 440.000 Tonnen Post-Consumer-Rezyklat aus flexiblen Verpackungen bereitstellen, um die PPWR-Rezyklatquoten zu erfüllen. Kumuliert steigt der Bedarf an recyceltem Material aus Flexibles laut CEFLEX von 2,5 Millionen Tonnen bis 2030 auf 5,9 Millionen Tonnen bis 2035, wenn dann eine Recyclingquote von 55 Prozent für alle Kunststoffverpackungen gilt. CEFLEX weist zugleich darauf hin, dass der Verpackungssektor allein diese Menge kaum aufnehmen kann – einbezogen werden müssten auch Anwendungen außerhalb der Verpackung wie Baufolien, Müllsäcke, Transportverpackungen und Gartenbauprodukte, um die geschätzte Gesamtnachfrage von rund 4,3 Millionen Tonnen bis 2030 zu decken.
Innovationen: Monomaterial und Hochbarriere im Gleichschritt
Auf der Materialseite zeigt sich, wohin die Reise geht. Siegwerk hat gemeinsam mit dem spanischen Packmittelhersteller Enplater eine Hochbarriere-Beschichtung für vollständig recyclingfähige Monolayer-Polypropylen-Beutel vorgestellt: Die Kombination aus Siegwerks CIRKIT OXYBAR WHITE – einer kombinierten Sauerstoffbarriere- und Weißtinten-Technologie in einem Inline-Arbeitsschritt – und PU-basierten Drucksystemen soll die Performance klassischer Mehrschichtverbunde erreichen, ganz ohne PVdC, metallisierte Verbunde (Met-PET, Met-OPP) oder EVOH. PureCycle und Innovia Films wiederum haben eine weiße, kavitierte BOPP-Folie mit über 40 Prozent Post-Consumer-Rezyklatanteil auf Basis von PureCycles PureFive-Choice-Harz entwickelt, die für Süßwaren, Eis und Etiketten mechanische Eigenschaften, Feuchtigkeitsbarriere, Opazität und eine papierähnliche Haptik auf Niveau von Neuware bietet. Auch Constantia Flexibles treibt den Wandel hin zu Monomaterial-Lösungen voran: Nach eigenen Angaben sind bereits 92 Prozent des Produktportfolios „Designed for Recycling“ oder verfügen über eine entsprechende Alternative (Stand 2024) – umgesetzt unter anderem über die Ecolutions-Reihe mit EcoLam (Mono-PE), EcoVer (Mono-PP) und EcoPaper.
Einordnung
Der 12. August markiert weniger einen Schlusspunkt als den Start einer mehrjährigen Umsetzungsphase. Die unmittelbaren Pflichten sind überschaubar, doch Elipsos Beobachtung – dass Marken schon jetzt über das gesetzliche Minimum hinausgehen – deutet an, wohin sich der Compliance-Druck entlang der Lieferkette in den kommenden Jahren verschieben wird. Parallel bleibt die Rezyklat-Lücke die strukturelle Kernfrage: Ob Monomaterial-Design und neue Recyclingtechnologien schnell genug skalieren, entscheidet, ob die 2030er-Ziele der PPWR für flexible Verpackungen überhaupt erreichbar sind.
Quellenverzeichnis
Alle Quellen wurden durch direkten Seitenabruf validiert (Stand 10.08.2026).
- ESM Magazine: „Packaging Association Calls For PPWR Rules To Be Followed“, 10.08.2026 – https://www.esmmagazine.com/retail/packaging-association-calls-for-ppwr-rules-to-be-followed-318759
- ESM Magazine: „Flexible Packaging Europe Sees Raw-Material Prices Surge In Q2 2026“, 09.07.2026 – https://www.esmmagazine.com/packaging-design/stretched-thin-flexible-packaging-europe-sees-raw-material-prices-surge-in-q2-2026-316075
- ESM Magazine: „Mondi H1 Underlying EBITDA Declines Amid Higher Input Costs“, 31.07.2026 – https://www.esmmagazine.com/packaging-design/mondi-h1-underlying-ebitda-declines-amid-higher-input-costs-318136
- Packaging Gateway: „Study reveals EU must unlock 2.5 million tonnes of recycled flexibles for PPWR goal“ (CEFLEX-Studie „Secondary Applications for Recycled Content“), 19.06.2026 – https://www.packaging-gateway.com/news/eu-recycled-flexibles-ppwr-goal/
- Siegwerk (Pressemitteilung): „Siegwerk and Enplater develop fully recyclable mono-PP pouch with integrated barrier and sealing performance“, 29.04.2026 – https://www.siegwerk.com/en/news-media/press-releases/details/siegwerk-and-enplater-develop-fully-recyclable-mono-pp-pouch-with-integrated-barrier-and-sealing-performance.html
- Packaging Europe: „Innovia Films and PureCycle create 40% recycled white, cavitated BOPP film“ – https://packagingeurope.com/news/innovia-films-and-purecycle-create-40-recycled-white-cavitated-bopp-film/14375.article
- Constantia Flexibles: Sustainability-Seite (92%-DfR-Kennzahl, Ecolutions-Portfolio) – https://www.cflex.com/sustainability/
