Zwischen Verpackungspreis, Recyclingrealität und digitalem Produktpass

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Warum Materialdaten jetzt zum Erfolgsfaktor werden

Anfang August ist für viele in der Verpackungsbranche der Moment des Countdowns: In wenigen Tagen wird die PPWR wirksam, und die Frage ist längst nicht mehr, ob Unternehmen ihre Konformitätserklärung brauchen, sondern ob sie rechtzeitig fertig wird.

Für die aktuelle Ausgabe der Flexpack News ist Julian Thielen nach Köln gereist – direkt an den Rhein, nur wenige hundert Meter vom Interzero-Standort entfernt. Im Gespräch mit Dominik Lichtenthäler geht es um druckfrische News vom Deutschen Verpackungspreis, um eine Studie, die die deutsche Recycling-Logik infrage stellt, um die Tücken von Wachsbeschichtungen – und um die Frage, wie startklar die Branche eine Woche vor dem PPWR-Day wirklich ist.

Das Wichtigste in Kürze

  • Deutscher Verpackungspreis 2026: rund 220 Einreichungen, 36 Gewinner – darunter ein Push-Pull-Verschluss aus 100 % PCR-Material.
  • ProPakMa-Studie stellt starre Grenzwerte wie die deutsche 95/5-Regel infrage – andere EU-Länder kommen mit deutlich geringeren Papieranteilen aus.
  • 8 Jahre „Made for Recycling“: Wachsbeschichtungen bestehen zwar CEPI-Tests, verursachen in der Praxis aber klebende Verunreinigungen und Bahnabrisse.
  • Digitaler Produktpass: Die EU hat ein offizielles Register samt Testumgebung gestartet – Datenteilung bleibt für viele Unternehmen aber ein Vertrauensthema.
  • PPWR-Day am 12. August 2026: Laut Interzero sind viele Unternehmen in den Gesprächen noch weit von ihrer Konformitätserklärung entfernt.

Deutscher Verpackungspreis: Ein Blick hinter die Jury-Kulissen

Anfang Juli saß Dominik Lichtenthäler als einer von 22 Juror:innen beim Deutschen Verpackungspreis – zwei volle Tage, in denen rund 220 Einreichungen gesichtet, diskutiert und teilweise „sehr leidenschaftlich“ bewertet wurden. Am Ende standen 36 Gewinner fest, deren Bekanntgabe zufällig genau auf den Aufnahmetag der Podcast-Folge fiel.

Als besonders innovativ hebt Dominik einen Push-Pull-Verschluss für Spülmittelflaschen von Werner & Mertz und Abda Closures hervor: gefertigt aus 100 % PCR-Material aus dem Gelben Sack, umgesetzt über ein neues In-Mould-Assembly-Verfahren – aus Jurysicht eine echte technische Neuheit.

Sein Tipp für künftige Einreichungen: Klarheit vor Vollständigkeit. Wer teilnehmen will, sollte kompakt und präzise herausarbeiten, was die eigentliche Innovation ist und welches Problem sie löst – nur so lässt sich der Mehrwert für die Jury schnell erfassen.

Dominik war dabei nicht in irgendeiner Kategorie im Einsatz, sondern gleich in allen Nachhaltigkeitskategorien: Rezyklateinsatz, Recyclingfähigkeit und Materialreduktion.

Rezyklateinsatz in Flexpack: Wenig Einreichungen, hohe Komplexität

Im Bereich Rezyklateinsatz für flexible Verpackungen gab es in diesem Jahr nur zwei Einreichungen – beide mit einem PCR-Anteil von 30 bis 35 % aus dem Gelben Sack, beide auf PE-Basis. Eine Anwendung betraf trockenes Waschmittel, die andere ein flüssiges Produkt aus dem sensiblen Food- beziehungsweise Babynahrungsbereich – Anwendungen, die aufgrund strenger Anforderungen an Barriere und Reinheit alles andere als trivial umzusetzen sind.

Die geringe Zahl an Einreichungen zeigt aus Sicht des Gesprächs vor allem eines: Rezyklateinsatz in anspruchsvollen Flexpack-Anwendungen bleibt technisch aufwendig – Fortschritte gibt es, aber sie sind noch die Ausnahme.

Recyclingfähigkeit von Papier: Warum starre Grenzwerte an der Realität vorbeigehen

Ein zweiter großer Themenblock der Folge dreht sich um eine aktuelle Studie von ProPakMa. Ihre zentrale These: Ob eine Verpackung ins Altpapier, in den Gelben Sack oder in den Restmüll gehört, sollte nicht anhand eines simplen Nicht-Papieranteils entschieden werden, sondern anhand tatsächlicher Recyclingfähigkeitskriterien – etwa über CEPI-Prüfmethoden.

Der Hintergrund ist komplexer, als er auf den ersten Blick scheint: Papier wird in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben getrennt gesammelt und über die Abfallgebühren finanziert. Verpackungen dagegen laufen privatrechtlich über die dualen Systeme und den Gelben Sack. Wenn duale Systeme mit den öffentlich-rechtlichen Entsorgern eine Vereinbarung treffen, können auch faserbasierte Verpackungen über die blaue Tonne entsorgt werden – mit dem Vorteil, dass hochwertiges Recycling oft erst dadurch möglich wird.

Entscheidend dabei: Jede Kommune legt selbst fest, welche Papierverpackungen sie in der blauen Tonne akzeptiert. Die vielzitierte deutsche 95/5-Regel hat dabei gar keine gesetzliche Grundlage im Verpackungsgesetz – andere Länder kommen mit ganz anderen Verhältnissen aus: 80/20 ist verbreitet, Spanien, Portugal und Frankreich akzeptieren teils bis zu 50/50.

Acht Jahre „Made for Recycling“: Die Praxis der Beschichtungen

Nach acht Jahren Testerfahrung mit „Made for Recycling“ hat Interzero praktisch jede Beschichtungsart gesehen: Extrusionsbeschichtung, Laminate, Dispersionsbeschichtung, Wachsbeschichtung, Metallisierung. Jede Variante hat eigene Schwachstellen – Extrusionsbeschichtungen können zu hohen Rejekten führen, Dispersionsbeschichtungen das Prozesswasser belasten, Metallisierung bleibt im recycelten Papier sichtbar.

Besonders aufschlussreich ist der Fall der Wachsbeschichtung: Sie kann nach CEPI-Testmethodik gut abschneiden – in der Praxis bleiben die Wachse aber im Prozesswasser hängen und führen zu klebenden Verunreinigungen. Die Folge sind im schlimmsten Fall Bahnabrisse an der Papiermaschine, die sich – bei der Größe moderner Anlagen – nur mit erheblichem Aufwand wieder anfahren lassen.

„Schlecht.“ – Dominik Lichtenthälers Einschätzung zur aktuellen Verwertungslage von PPK aus der Gelbe-Sack-Sortierung

Diese knappe Antwort auf die Frage nach der Qualität von Papier, Pappe und Karton (PPK) aus der LVP-Sortierung bringt ein strukturelles Problem auf den Punkt: Kommt das Material nicht zügig vom Hof, beginnt es – gerade bei Temperaturen über 30 Grad – zu wandern, und nach zwei Wochen ist kaum noch eine brauchbare Faser übrig. Die Zahl der Recycler, die dieses Material überhaupt noch abnehmen, sinkt entsprechend. Die klare Botschaft aus dem Gespräch: Die blaue Tonne darf nicht zur „neuen gelben Tonne“ werden.

Digitaler Produktpass: Zwischen Datenbedarf und Vertraulichkeit

Die EU hat ein offizielles Register für den digitalen Produktpass samt Testumgebung gestartet. Anders als vielleicht erwartet, ist das kein Portal zum Einpflegen von Produktdaten – die Daten selbst sollen dezentral bei frei wählbaren Anbietern liegen. Die Testumgebung dient vor allem dazu, dass erste Marktteilnehmer ihre eigene Technologie darauf abstimmen können.

Aus Recycler-Sicht wären vor allem detaillierte Informationen zu Materialzusammensetzung, Klebstoff- und Beschichtungsart wertvoll, um Sortier- und Verwertungsprozesse gezielter anzupassen – bis hin zur Frage, ob eine Verpackung mit Lebensmitteln in Kontakt kam, was wiederum über die Inkbarkeit für ein mechanisches Lebensmittel-zu-Lebensmittel-Recycling entscheiden könnte.

Das Problem: Viele dieser Informationen gelten bei Herstellern als hochsensibel, insbesondere wenn sie Rückschlüsse auf Rezepturen zulassen. Eine Parallele sieht Dominik in der aktuellen Praxis rund um Konformitätsanfragen entlang der Lieferkette: Auch dort begegnet man häufig der Antwort, bestimmte Informationen nicht teilen zu wollen – obwohl eine Informationspflicht besteht. Deren Detailgrad ist gesetzlich zwar nicht exakt definiert, muss aber so weit reichen, dass der Erzeuger tatsächlich die Konformität seiner Verpackung nachweisen kann.

Die Empfehlung aus dem Gespräch: Unternehmen sollten künftig konkret vertraglich festlegen, welche Informationen von Lieferanten zu liefern sind – um genau diesen Dissens von vornherein zu vermeiden.

Check for Recycling: Interzeros Tool für die Konformitätserklärung

Passend zum Thema hat Interzero sein Tool „Check for Recycling“ für die Erstellung von Konformitätserklärungen weiterentwickelt. Im laufenden Onboarding mit Kunden zeigt sich eine enorme Bandbreite: Manche Unternehmen verfügen bereits über Strukturen in bestehenden Systemen, andere – vor allem viele KMUs – starten bei null, ohne die nötigen Daten, Strukturen oder Kapazitäten.

Interessant ist der interdisziplinäre Charakter dieser Projekte: In den Onboarding-Terminen sitzen typischerweise Kolleg:innen aus IT, Qualitätsmanagement und Einkauf gemeinsam am Tisch. Wer bereits ein System – etwa ein ERP mit hinterlegten Verpackungsdaten – im Einsatz hat, muss vor allem die Verknüpfung zu neuen Anforderungen lösen. Wer bei null startet, kann seine Daten dafür von Anfang an sauber strukturieren.

Auf der InnoPouch-Konferenz in Barcelona ist Interzero nicht nur als Supporter, sondern auch mit zwei Fachvorträgen vertreten: Alexandre Zuber, Product Owner für Check for Recycling, stellt das Tool und den dahinterliegenden „Guided Flow“ zur einfachen Erstellung der Konformitätserklärung vor. Albin Kaelin, Experte aus dem Cradle-to-Cradle-Umfeld, spricht zum digitalen Produktpass.

Fazit: Countdown zum PPWR-Day

Diese Folge macht deutlich: Die Flexpack-Branche steht nicht vor einem einzelnen Problem, sondern vor mehreren parallel laufenden Baustellen.

  • Der Deutsche Verpackungspreis zeigt, dass technische Innovationen im Rezyklateinsatz möglich sind – aber noch die Ausnahme bilden.
  • Starre Grenzwerte wie die 95/5-Regel geraten zunehmend in die Kritik – Recyclingfähigkeit braucht differenziertere Kriterien.
  • Praxiserfahrung mit Beschichtungen zeigt: Was im Labor gut testet, kann in der Anlage zum Problem werden.
  • Der digitale Produktpass wird nur funktionieren, wenn Vertraulichkeit und Informationspflicht in Einklang gebracht werden.
  • Und beim PPWR-Day selbst gilt: Viele Unternehmen sind laut Interzero noch nicht so weit, wie sie sein müssten.

Wer selbst noch nicht startklar ist, sollte sich jetzt Unterstützung holen. Interzero bietet dazu am 6. August – dem letzten Termin vor dem PPWR-Day – einen kostenlosen Einführungstermin zu Check for Recycling an.

Häufige Fragen zu dieser Episode

Wie viele Einreichungen gab es beim Deutschen Verpackungspreis 2026?

Rund 220 Einreichungen wurden von 22 Juror:innen über zwei Tage gesichtet, am Ende standen 36 Gewinner fest.

Warum sind Wachsbeschichtungen beim Papierrecycling problematisch?

Wachsbeschichtungen können CEPI-Testmethoden gut bestehen, bleiben in der Praxis jedoch im Prozesswasser der Papiermaschine hängen. Das führt zu klebenden Verunreinigungen und im schlimmsten Fall zu Bahnabrissen.

Was regelt die deutsche 95/5-Regel – und ist sie gesetzlich vorgeschrieben?

Die 95/5-Regel beschreibt den maximal zulässigen Nicht-Papieranteil für die Altpapiertonne, hat aber keine explizite gesetzliche Grundlage im Verpackungsgesetz. Andere EU-Länder wenden deutlich abweichende Quoten an, teils bis zu 50/50.

Was ist der digitale Produktpass?

Ein von der EU initiiertes System, das Produktdaten entlang der Lieferkette zentral zugänglich machen soll. Die Daten selbst bleiben dezentral bei frei wählbaren Anbietern – die EU hat dafür ein Register mit Testumgebung gestartet.

Wann wird die PPWR wirksam?

Am 12. August 2026 wird die PPWR wirksam. Laut Interzero sind viele Unternehmen zu diesem Zeitpunkt mit ihrer Konformitätserklärung noch nicht fertig.

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